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Ausstellung zu Emil Nolde : Seine Kunst ließ sich nicht gleichschalten

„Verlorenes Paradies“, Öl auf Leinwand, 1921 Bild: Nolde Stiftung Seebüll

Eine Berliner Ausstellung zeigt den Maler Emil Nolde als überzeugten Nazi und Antisemiten. Das Urteil, das sie fällt, ist endgültig, aber die Bilder kann sie dennoch nicht in Haft nehmen.

          Im Juli 1933 schickt die Berliner Nationalgalerie drei Bilder Emil Noldes an eine Privatadresse in München. Sie werden in der Wohnung von Ernst „Putzi“ Hanfstaengl aufgehängt, der als Auslandspressechef der NSDAP und Hitler-Vertrauter exklusiven Zugang zum neuen Reichskanzler hat. Das Ölgemälde „Reife Sonnenblumen“ und zwei Aquarelle sollten dem „Führer“ augenfällig machen, dass Noldes Malerei in den Kunstkanon der braunen Machthaber passt. Hanfstaengls Schwester Erna, eine Galeristin, ist mit Noldes Ehefrau Ada befreundet und erstattet ihr telefonisch über den Verlauf der Aktion Bericht. Anfang August kann sie Vollzug melden: Hitler habe die Bilder betrachtet und „nicht abgelehnt“, allerdings auch kein eindeutiges Urteil abgegeben; er müsse eben „öfter sehen“. Ada Nolde ist dennoch begeistert: In Berlin, schreibt sie an ihren Mann in Seebüll, seien „alle hocherfreut über das Resultat“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In der Nolde-Ausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin, die seit Donnerstag am Hamburger Bahnhof läuft, werden die „Reifen Sonnenblumen“ jetzt als Leihgabe aus Detroit gezeigt. Die Blumen sind nicht nur reif, sondern überreif, ihre braunen Kerne tropfen förmlich aus den zerfledderten Kelchen. Dennoch hat das Bild nichts sinnlich Lockendes. Sein Sujet ertrinkt im schwarz gerahmten Himmelsblau wie in einem Kältebad. Eine strenge, dunkle Pracht herrscht in Noldes Pflanzenkosmos wie in seinen Landschaften, in denen der getürmte Wolkenhimmel die Wiesen und Häuser unter sich erdrückt. Es ist die Welt eines Malers, der das „Starke, Herbe, Innige“ in der Kunst vergöttert und die „Süße der Sünde“, die „rundliche Formenschönheit“ in seinen Schriften als undeutsch und rassefremd abtut, die Welt eines überzeugten Antisemiten.

          „Reife Sonnenblumen“, Öl auf Leinwand, 1932

          Die Berliner Nolde-Ausstellung hat ein Doppelgesicht. Sie ist ein Porträt, und sie ist ein Prozess. Sie will den Künstler zeigen und zugleich entlarven. Diese Ambivalenz spiegelt sich in ihrer Architektur, die an ein aufgeblättertes Dossier erinnert, das durch Bruchstücke einer „normalen“ Kunstschau unterbrochen wird. Gleich am Eingang steht man rechts vor dem „Verlorenen Paradies“ von 1921 und der „Sünderin“ von 1926, zwei Hauptwerken des deutschen Expressionismus, während links das Frühwerk „Pfingsten“ und die Kritikerverfluchung „Sechs Herren“ hängen. Die Zurückweisung der Pfingstszene war 1909 der Anlass für Noldes Austritt aus der Sezession und der Beginn seines Hasses auf Max Liebermann, dessen er sich noch dreißig Jahre später in einem Brief an Goebbels rühmte. Das „Verlorene Paradies“ wiederum gehörte zu den Feindbildern der völkischen Kunstpropaganda und bekam 1937 einen prominenten Platz in der Ausstellung „Entartete Kunst“. Die Kuratoren rücken beide Bilder weit auseinander und suggerieren so, dass sie für zwei verschiedene Haltungen stehen, was weder Nolde noch seinen Gegnern gerecht wird.

          Die Präsentation zeitgenössischer Kritiken in den Vitrinen – darunter eine Lobeshymne des „Stahlhelm“ – verleitet dazu, in den „Sechs Herren“ antisemitische Karikaturen zu sehen. Dabei hat gerade erst eine Ausstellung mit Werken der „Novembergruppe“ gezeigt, dass auch linke Maler in der Weimarer Republik ihre Rezensenten mit dem Pinsel schmähten. Wo immer die Ausstellung mit Bildern illustrieren will, was ihre Dokumente belegen, greift sie ins Leere. Nolde war ein Rassist, der von einer „reinlichen Scheidung“ zwischen Juden und Germanen träumte und noch kurz vor Kriegsende gegen „Bolschewismus, Judentum u. Plutokratismus“ hetzte, aber seine Kunst ist weder reinlich noch eindeutig. Sie macht Jesus nicht zum Arier und Eva nicht zur Heldenmutter. Sie folgt nicht der Ideologie ihres Schöpfers, sondern seinem Blick.

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