https://www.faz.net/-gqz-9lwkk

Ausstellung zu Emil Nolde : Seine Kunst ließ sich nicht gleichschalten

Ein Mann fotografiert in der Ausstellung „Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ im Museum für Gegenwart.

Die Ausstellungsmacher, die Kunsthistoriker Aya Soika und Bernhard Fulda, haben jahrelang im Archiv der Nolde-Stiftung in Seebüll geforscht, und ihre Arbeit wird durch den Stiftungsdirektor Christian Ring, der in Berlin als Ko-Kurator auftritt, zusätzlich beglaubigt. Dennoch hat die Ausstellung nichts grundstürzend Neues über Nolde mitzuteilen. Dem Bild des Künstlers, das die Nolde-Werkschau in Frankfurt vor fünf Jahren, bei deren Katalog Soika und Fulda mitwirkten, zeigte, fügt sie allenfalls einzelne Striche hinzu. Immerhin ist es interessant zu erfahren, dass sich die Noldes 1942 vier Wochen lang in Wien aufhielten, um beim Reichsstatthalter Baldur von Schirach die Aufhebung des im Vorjahr verhängten Berufsverbots zu erwirken. Das Treffen kam nicht zustande, das Verbot blieb bestehen, aber Nolde, dem nur die öffentliche Ausübung seiner Kunst untersagt worden war, malte trotzdem weiter, von Freunden und Förderern unterstützt. 1940 hatte er mit achtzigtausend Reichsmark eins der höchsten Künstlereinkommen in Deutschland deklariert, und selbst nach dem Bannfluch der Reichskunstkammer sanken seine Einkünfte nicht auf null. Nach Kriegsende, schon vor seiner Entnazifizierung 1946, war er bald wieder Großverdiener. Aber auch das ist keine echte Neuigkeit.

„Die Sünderin“, Öl auf Leinwand, 1926

Stattdessen hat die Politik ein dickes Ausrufezeichen neben die Ausstellung gesetzt. Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass das Bundeskanzleramt zwei von den Staatlichen Museen entliehene Nolde-Gemälde, die es seinerseits als Leihgaben in den Hamburger Bahnhof geschickt hat, nach dem Ende der Schau nicht zurückhaben will. Seit dem Amtsantritt Angela Merkels hatte der „Brecher“ von 1936 über ihrem Schreibtisch gehangen; gern ließ sie sich, wie 2013 im Gespräch mit dem amerikanischen Außenminister Kerry, mit dem Bild fotografieren. Noldes „Blumengarten“ hing an der Wand gegenüber. Jetzt aber, so scheint es, ist seine Kunst politisch derart kontaminiert, dass sogar Meeres- und Gartenszenen nicht mehr zur staatlichen Repräsentation taugen.

Warum erst jetzt? Vielleicht, weil es nach der Berliner Ausstellung tatsächlich kein Zurück mehr gibt zum Nolde der Nachkriegszeit. Das Urteil, das sie spricht, ist von einer Endgültigkeit, die jede Widerrede ausschließt, und der dreihundert Seiten lange Quellenband, der neben dem Ausstellungskatalog erschienen ist, liefert dazu das nötige Material. Aber in der akribischen Gründlichkeit, mit der sich die Kuratoren in den Fall Nolde hineingewühlt haben, liegt eben auch eine Beschränkung. Man hätte gern mehr über das Schicksal der Expressionisten im Nationalsozialismus erfahren, über ihre Anpassungs- und Distanzierungsgesten und über jenen Kulturkampf innerhalb der braunen Nomenklatur, der erst 1937 mit der Ausstellung „Entartete Kunst“ zugunsten des Arierkitsches entschieden war. Doch in diesem Punkt folgt die Ausstellung der Selbststilisierung Noldes, indem sie ihn zu dem einsamen Kämpfer macht, der er nicht war.

„Herrin und Fremdling“, Aquarell, ohne Datum (wahrscheinlich als Vorlage für das Gemälde „Nordische Menschen“, 1938)

Im zweiten Ausstellungsteil, der um das Atelier des Malers in Seebüll kreist, machen die Kuratoren noch einmal den Versuch, Ästhetik und Politik bei Nolde zur Deckung zu bringen. In den dreißiger Jahren begeisterte sich der Künstler, inzwischen Mitglied der dänischen Nazi-Partei, für die Heldengedichte des isländischen Skalden Snorri Sturluson, und bald entstand eine ganze Reihe von Bildern mit Gestalten dieser nordischen Sagenwelt. Nur dass die knorrigen Wikinger, die Nolde in Öl oder Aquarellfarben zeigt, von Hitlers Kunstideal so weit entfernt sind wie zuvor seine Bibelszenen. Der Meister von Seebüll, so braun seine Gedankenwelt war, dachte gar nicht daran, sich den Nazis künstlerisch an den Hals zu werfen. Stattdessen träumte er davon, sie zu seinen Gefolgsleuten zu machen. Dieser Wahn bewahrte ihn vor dem ästhetischen Bankrott. Seinen Versuch, den „Führer“ selbst zu überzeugen, hatte er schon vorher begraben müssen. Als Hitler Noldes Aquarelle in Goebbels’ Dienstwohnung sah, bekam er einen Wutanfall. Die „Reifen Sonnenblumen“ wanderten in die Ausstellung „Entartete Kunst“ und von dort nach Amerika.

In Siegfried Lenz’ Roman „Deutschstunde“, der ganze Generationen von Nolde-Verehrern hervorgebracht hat, war von all dem keine Rede. Aber inzwischen ist das Buch ebenso Geschichte wie der Kult um den Maler. Es ist das Recht der Literatur, Märchen zu erzählen. So wie es das Recht der Historiker ist, sie zu widerlegen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Trump beginnt Wahlkampf : Eigenlob, Attacken und ein paar Witze

Beim offiziellen Wahlkampfauftakt in Florida kämpft Donald Trump in gewohnt selbstherrlicher Manier gegen die Negativmeldungen der vergangenen Tage – und behauptet, eine der wichtigsten Bewegungen der Neuzeit begründet zu haben.

Amerikanische Staatsanleihen : China verkauft im großen Stil

China war jahrelang der größte Abnehmer amerikanischer Staatsanleihen. Doch der Bestand ist auf das niedrigste Niveau seit zwei Jahren gesunken. Das löst Befürchtungen über eine neuerliche Eskalation im Handelskonflikt aus.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.