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Ausstellung : Wunschfenster einer unfrohen Seele

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Mit kompromißlos offenen Bildern über nackte Körper und Sexualität erschütterten Klimt, Kokoschka und Schiele um die Jahrhundertwende eine konservative Gesellschaft: „Die nackte Wahrheit“ in Frankfurt.

          2 Min.

          „Was nützt es, wenn jeder Strich zeigt, daß Klimt etwas könnte, wenn er nichts Schönes machen will?“ In der Nachfolge des Großkünstlers Hans Makart hatte sich der junge Gustav Klimt zunächst mit hinreißenden Frauenbildern in keusch-allegorischer Nacktheit einen Namen gemacht. Und so erhielt er im Jahr 1894 den ehrenvollen Auftrag, für die neuerbaute Universität an der Wiener Ringstraße drei großformatige Fakultätsbilder - Philosophie, Medizin und Jurisprudenz - zu malen.

          Nur leider fielen seine Entwürfe ganz anders aus, als es sich die Professoren gedacht hatten: Der Blick des Künstlers hatte sich fundamental verändert. Keine repräsentativen Bilder im Stil des Historismus wollte er mehr liefern, keine erhebenden Allegorien der Wissenschaften, sondern symbolistische Gemälde voller Düsternis, die von Angst und Ausgesetztsein handelten. Noch empörender fand man die „gemalte Unsittlichkeit“ der kraß naturalistisch dargestellten nackten Figuren, die einen erbosten Satiriker sogar an einen „entleerten Wurstkessel“ erinnerten.

          Die niedrigen Instinkte

          Der Aufruhr war gewaltig. „Hier findet man Wiener Spaßmachertum, österreichisches Denunziantenwesen und internationale Unwissenheit in harmonischer Vereinigung den niedrigen Instinkten der Menge huldigend“, schrieb der Gustav Klimt sehr zugeneigte Schriftsteller Hermann Bahr, als er 1903 die gesammelten Kritiken „Gegen Klimt“ veröffentlichte. Auch der Künstler selber wußte sich zu wehren: Auf seinem 1901/1902 entstandenen Gemälde „Goldfische“, das er eigentlich „An meine Kritiker“ nennen wollte, streckt eine rothaarige Schöne den Betrachtern ihren hübschen Popo mehr als deutlich entgegen. Und unter dem Schillerwort „Vielen gefallen ist schlimm“ läßt Klimt seine 1899 gemalte „Nuda Veritas“ dem Publikum unmißverständlich einen Spiegel entgegenhalten.

          Die Klimtschen Bilder stehen mit zwei charakteristischen Werken von Hans Makart am Anfang einer nun in der Schirn Kunsthalle eröffneten, 180 bedeutende Gemälde und Zeichnungen österreichischer Kunst umfassenden Ausstellung. Es geht um „Die nackte Wahrheit - Klimt, Schiele, Kokoschka und andere Skandale“: Sie erschütterten um die Jahrhundertwende eine erstarrte konservative Wiener Gesellschaft, die sich doch in der Donaumonarchie und deren barocken katholischen Traditionen so sicher aufgehoben glaubte.

          Reisen nach innen

          Aber die festgefügten Ordnungen geraten ins Wanken, als Künstler wie Gustav Klimt, Egon Schiele oder Oskar Kokoschka zu ihren folgenreichen „Reisen nach innen“ aufbrechen und sich einer schonungslosen Befragung des eigenen Ich unterziehen. Und gegen den herrschenden Zeitgeist greifen sie nun auch bisher tabuisierte Themen auf: Der nackte Körper und die Sexualität in allen ihren Erscheinungsformen werden zu Sujets, denen sich diese Maler nun mit kompromißloser Offenheit widmen - in erstaunlicher zeitlicher Parallelität zu Sigmund Freud, der im Jahr 1900 die „Traumdeutung“ veröffentlicht.

          Wie kein anderer Künstler sonst setzt sich Egon Schiele in seinen grandiosen Zeichnungen mit seiner eigenen Sexualität auseinander, auf eine auch gnadenlos wirkende und den Betrachter geradezu bedrängende Weise. Er ist freilich nicht nur Exhibitionist, sondern auch bekennender Voyeur und schildert mit großer Eindringlichkeit die Emotionen homosexueller und heterosexueller Liebespaare.

          Wunderbare rare Blätter

          Die Wiener Kunstblüte jener Epoche erreichte mit dem stillen Medium der Zeichnung überhaupt ihren Höhepunkt, und der Publizist Wilhelm Hausenstein fand sogar, man sollte Klimt nur in seinen erotischen Zeichnungen studieren. Und das ist in der Schirn anhand wunderbarer und äußerst rarer Blätter eine wahre Freude.

          Oskar Kokoschka begann seine Wiener Karriere als junger „Oberwildling“ der Kunstschau des Jahres 1908, auf der er alle seine Werke verkaufte. Er ist in der Schirn mit herrlichen Bildern, etwa dem bekannten Porträt von Alma Mahler als Mona Lisa, vertreten. Suggestive Knabenbildnisse sind von Anton Kolig zu sehen: „Wunschfenster einer unfrohen Seele“ nannte er sie, und nur so konnte er seine homoerotischen Neigungen leben. Ein Märtyrer aus anderem Grund war Richard Gerstl: Er ging an der Liebe zu Mathilde Schönberg zugrunde.

          Mit der jetzigen Schau zeigt die Schirn Kontinuität: Nach „Sehnsucht nach Glück: Wiens Aufbruch in die Moderne“ von 1995 bietet sich ein neuer Blick auf diese faszinierende Epoche.

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