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Walter Dexel in Braunschweig : Ein Leben voller Zweideutigkeiten

Im Nationalsozialismus wurde er als „entartet“ geschmäht und als nationalbewusst gelobt: Das Städtische Museum Braunschweig führt die Karriere des Malers und Kunsthistorikers Walter Dexel vor Augen.

          Wie vergessen Walter Dexel als Maler nach dem Zweiten Weltkrieg war, kann man daran sehen, dass in Hans Vollmers seit 1953 erschienenem „Allgemeinen Lexikon der bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts“, dem biographischen Standardwerk der internationalen Kunstwissenschaften, zu seinem Wohnort steht: „ansässig in Jena“. Dort lebte Dexel aber schon seit 1928 nicht mehr; über Magdeburg und Berlin war er 1942 nach Braunschweig gekommen, wo er 1973 auch sterben sollte. Erst in seinem letzten Jahrzehnt erlebte er so etwas wie eine kleine Renaissance des künstlerischen Werks.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Auch das ist lange her und Dexel abermals vergessen. Außer im Städtischen Museum Braunschweig, das noch zu Lebzeiten des Künstlers etliche Werke versammeln konnte und seitdem auch dauerhaft zeigt. Das hat seinen Grund allerdings darin, dass der 1890 in München geborene Dexel in Braunschweig seine berühmte „Formsammlung“ aufgebaut hat: eine Kollektion von Gebrauchsgegenständen (überwiegend Gefäße) aus sämtlichen Jahrhunderten seit der Antike, die auch nach Dexels Pensionierung durch seinen Sohn Thomas fortgeführt wurde und im Städtischen Museum aufbewahrt wird. Dass man sich dort deren Gründer verpflichtet fühlte, ist klar, zumal, als der sich dann wieder der Kunst zuwandte. So ist es kein Wunder, dass die erste Retrospektive seit 1973 (damals in Bonn) jetzt wieder im Braunschweiger Haus stattfindet, wo 1962 schon die Wiederentdeckung des Malers erfolgt war.

          Das, was man nun zeigt, verdankt sich mit wenigen Ausnahmen den eigenen Beständen und vor allem dem Nachlass des Künstlers, in dem sich etliche Werke aus dessen Anfangszeit, den zehner und zwanziger Jahren, erhalten haben. Damit sollte, wenn es nach Dexel selbst gegangen wäre, seine Künstlerkarriere auch schon abgeschlossen gewesen sein, denn 1925 hatte er jede eigene Ausstellungstätigkeit eingestellt, obwohl er weiter malte. Dexel selbst stellte diesen Verzicht als notwendige Konsequenz seiner allmählich gewonnenen Überzeugung dar, dass moderne Kunst nichts Individuelles haben dürfte. Damit knüpfte er an die Lehren des russischen Konstruktivismus an, der in den ersten Jahren der bolschewistischen Herrschaft deren ästhetisches Ideal darstellte, ehe er unter Stalin vom Sozialistischen Realismus verdrängt wurde. Der Konstruktivismus wurde durch Künstler wie Piet Mondrian oder Theo van Doesburg ein europäisches Phänomen. In Deutschland aber hat er trotz großer Begeisterung dafür kaum Protagonisten in den bildenden Kunst hervorgebracht, als prominentester darf Willi Baumeister gelten. Umso interessanter ist Dexels entsprechendes Werk.

          Zuvor hatte er sich an den in seiner Heimat- und Studienstadt München bekannten Künstlern des Blauen Reiters und deren Kollegen der Brücke orientiert; Cézannes Einfluss ist über diese Quellen allgegenwärtig. Später wird dann zunächst Lyonel Feininger zum Vorbild, dessen Titelblatt zum Bauhaus-Manifest von 1919 wie die unmittelbare Anregung zu Dexels im selben Jahr entstandenem Holzschnitt „Sternenbrücke“ wirkt, der 1921 Bestandteil der dritten Bauhaus-Mappe wurde. Oskar Schlemmers Bauhaus-Logo von 1922 wiederum darf als stilprägend für die ersten geometrisch-schlichen „Figurationen“ Dexels gelten. Er war damals verantwortlich für die Ausstellungen des Jenaer Kunstvereins und zeigte dort Arbeiten etlicher Bauhaus-Meister, darunter Schlemmer, Gropius oder Moholy-Nagy. Kein Geringerer als Mies van der Rohe entwarf 1925 Pläne für Dexels Privathaus in Jena. Es sollte aber nie gebaut werden.

          Hinreißende Entwürfe für Leuchtreklamen

          Denn das Interesse Dexels verlagerte sich ideologisch konsequent auf angewandte Kunst. Er gehörte von 1926 an zu den Mitarbeitern des Frankfurter Stadtbaudezernenten Ernst May bei dessen Projekt für ein „neues Frankfurt“; in der Ausstellung sind hinreißende Entwürfe für Leuchtreklamen zu sehen. Damals gestaltete Dexel auch die gelben Richtungsschilder auf deutschen Landstraßen, die bis heute diesem Vorbild folgen. Wir alle leben mit diesen Arbeiten, ohne deren Urheber zu kennen.

          Privat malte Dexel weiterhin konstruktivistisch, und 1930 entwickelte er die Idee einer Serie von entsprechend abstrahierten Porträts prominenter Persönlichkeiten oder Typen. Bis 1933 schuf er 37 Zeichnungen, darunter Bilder eines Jesuiten, eines Abtes oder eines Indianers sowie von Reichskanzler Brüning und dessen Nachfolger Franz von Papen. 1933 machte er sich an Hitler, kurz vorher war die Darstellung eines Rabbis entstanden. Dass Dexel damit keine Freude bei den neuen Machthabern ausgelöst hätte, war klar; die Serie, seine einzige Beschäftigung mit Menschen als Motiven, blieb vorsichtshalber unter Verschluss.

          Sein Engagement für die Moderne, das er seit 1928 als Dozent für Gebrauchsgraphik an der fortschrittlichen Kunstgewerbe- und Handwerksschule Magdeburg noch forciert hatte, machte ihn den Nationalsozialisten aber ohnehin suspekt, obwohl Dexel wie alle Magdeburger Lehrkräfte im April 1933 in die NSDAP eingetreten war. Das rettete sie nicht, und auch Dexel wurde 1935 mit Verweis auf seine „Gesinnungsgenossen“ entlassen. Allerdings fand er schon bald ein neues Betätigungsfeld als Lehrer an der Berliner Hochschule für Kunsterziehung und in dem nun beginnenden Aufbau seiner Sammlung „Lehrschau des deutschen Handwerks“, die von der NSDAP als der nationalen Sache nützlich angesehen wurde. Später fand Dexel dafür sogar die Unterstützung der SS-Organisation „Ahnenerbe“ und überzeugte schließlich 1942 den damaligen Braunschweiger Oberbürgermeister Wilhelm Hesse, einen überzeugten Nazi, ihm freie Hand zum Aufbau einer öffentlichen Kollektion zu geben, aus der dann später die Formsammlung werden sollte.

          Derzeit laufende Provenienzforschung

          So arrangierte sich Dexel mit den Nationalsozialisten, und ein spannender Bestandteil der Braunschweiger Retrospektive widmet sich anhand einiger persönlicher Dokumente diesem Bemühen, wobei ausführlichere Ausführungen dazu nur im Katalog zu finden sind (auch im Hinblick auf die derzeit noch laufende Provenienzforschung zu den häufig in den besetzten Niederlanden und Belgien angekauften Beständen der Formsammlung). Bemerkenswert auch, dass Dexel 1937 mit zwei Bildern in der Schmähausstellung „Entartete Kunst“ vertreten war, doch weiß man nicht mehr, mit welchen. Auf seinen sofortigen Protest hin wurden die Werke wieder entfernt, denn Dexel konnte ja durchaus ehrlich versichern, sich schon 1925 von der Kunst abgewandt zu haben. Dieser Vorgang sicherte ihm sein Fortkommen in NS-Deutschland und danach; 1945 wurde er als Direktor der Formsammlung zwar zunächst entlassen, nach einem positiven Entnazifizierungsverfahren aber sofort wieder eingestellt.

          Dazu gibt es interessante Dokumente in der Ausstellung, wie auch zu seiner vorherigen Anbiederung. Anderes fehlt schmerzlich, wenn auch unvermeidlich, wie eben die beiden als entartet gebrandmarkten Werke. Ob da nicht doch noch intensiver hätte geforscht werden können? Aber das Zustandekommen der Retrospektive inklusive Katalog am Städtischen Museum ist eh Überraschung genug. Angesichts des aufgespannten zeitlichen Rahmens darf man die Schau klein nennen; allerdings bieten sie gerade aus der Frühzeit des Künstlers reichlich Funde.

          Walter Dexels Leben ist wie aus einem deutschen Albtraumbilderbuch entnommen: voller Zweideutigkeiten. Seine persönliche Haltung zur Kunst mit der Betonung aufs Praktische ihrer Anwendung kam den Nationalsozialisten entgegen, seine konstruktivistische Ästhetik dagegen nicht. Als er 1962 wieder mit dem Malen begann, setzte er logischerweise auf diese verfemte Traditionslinie. Als sein Lebenswerk aber hat er doch die Formsammlung angesehen, die in der NS-Zeit als Idee geboren wurde, um sich in diesem eigentlich ungeliebten Regime zu behaupten.

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