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Walter Dexel in Braunschweig : Ein Leben voller Zweideutigkeiten

Privat malte Dexel weiterhin konstruktivistisch, und 1930 entwickelte er die Idee einer Serie von entsprechend abstrahierten Porträts prominenter Persönlichkeiten oder Typen. Bis 1933 schuf er 37 Zeichnungen, darunter Bilder eines Jesuiten, eines Abtes oder eines Indianers sowie von Reichskanzler Brüning und dessen Nachfolger Franz von Papen. 1933 machte er sich an Hitler, kurz vorher war die Darstellung eines Rabbis entstanden. Dass Dexel damit keine Freude bei den neuen Machthabern ausgelöst hätte, war klar; die Serie, seine einzige Beschäftigung mit Menschen als Motiven, blieb vorsichtshalber unter Verschluss.

Sein Engagement für die Moderne, das er seit 1928 als Dozent für Gebrauchsgraphik an der fortschrittlichen Kunstgewerbe- und Handwerksschule Magdeburg noch forciert hatte, machte ihn den Nationalsozialisten aber ohnehin suspekt, obwohl Dexel wie alle Magdeburger Lehrkräfte im April 1933 in die NSDAP eingetreten war. Das rettete sie nicht, und auch Dexel wurde 1935 mit Verweis auf seine „Gesinnungsgenossen“ entlassen. Allerdings fand er schon bald ein neues Betätigungsfeld als Lehrer an der Berliner Hochschule für Kunsterziehung und in dem nun beginnenden Aufbau seiner Sammlung „Lehrschau des deutschen Handwerks“, die von der NSDAP als der nationalen Sache nützlich angesehen wurde. Später fand Dexel dafür sogar die Unterstützung der SS-Organisation „Ahnenerbe“ und überzeugte schließlich 1942 den damaligen Braunschweiger Oberbürgermeister Wilhelm Hesse, einen überzeugten Nazi, ihm freie Hand zum Aufbau einer öffentlichen Kollektion zu geben, aus der dann später die Formsammlung werden sollte.

Derzeit laufende Provenienzforschung

So arrangierte sich Dexel mit den Nationalsozialisten, und ein spannender Bestandteil der Braunschweiger Retrospektive widmet sich anhand einiger persönlicher Dokumente diesem Bemühen, wobei ausführlichere Ausführungen dazu nur im Katalog zu finden sind (auch im Hinblick auf die derzeit noch laufende Provenienzforschung zu den häufig in den besetzten Niederlanden und Belgien angekauften Beständen der Formsammlung). Bemerkenswert auch, dass Dexel 1937 mit zwei Bildern in der Schmähausstellung „Entartete Kunst“ vertreten war, doch weiß man nicht mehr, mit welchen. Auf seinen sofortigen Protest hin wurden die Werke wieder entfernt, denn Dexel konnte ja durchaus ehrlich versichern, sich schon 1925 von der Kunst abgewandt zu haben. Dieser Vorgang sicherte ihm sein Fortkommen in NS-Deutschland und danach; 1945 wurde er als Direktor der Formsammlung zwar zunächst entlassen, nach einem positiven Entnazifizierungsverfahren aber sofort wieder eingestellt.

Dazu gibt es interessante Dokumente in der Ausstellung, wie auch zu seiner vorherigen Anbiederung. Anderes fehlt schmerzlich, wenn auch unvermeidlich, wie eben die beiden als entartet gebrandmarkten Werke. Ob da nicht doch noch intensiver hätte geforscht werden können? Aber das Zustandekommen der Retrospektive inklusive Katalog am Städtischen Museum ist eh Überraschung genug. Angesichts des aufgespannten zeitlichen Rahmens darf man die Schau klein nennen; allerdings bieten sie gerade aus der Frühzeit des Künstlers reichlich Funde.

Walter Dexels Leben ist wie aus einem deutschen Albtraumbilderbuch entnommen: voller Zweideutigkeiten. Seine persönliche Haltung zur Kunst mit der Betonung aufs Praktische ihrer Anwendung kam den Nationalsozialisten entgegen, seine konstruktivistische Ästhetik dagegen nicht. Als er 1962 wieder mit dem Malen begann, setzte er logischerweise auf diese verfemte Traditionslinie. Als sein Lebenswerk aber hat er doch die Formsammlung angesehen, die in der NS-Zeit als Idee geboren wurde, um sich in diesem eigentlich ungeliebten Regime zu behaupten.

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