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Gropius in Hagen : Ohne Osthaus kein Bauhaus

Industriebau: Spedition Lehnkering & Cie. in Hagen, 1911 Bild: Franz Stoedtner / Bildarchiv Foto Marburg

In ihren Briefen verhandelten Ernst Osthaus und Walter Gropius kulturpolitische Debatten, Wohnungs- und Städtebau und Industriearchitektur: Jetzt zeigt das Osthaus Museum eine Erinnerung an ihre Zeit.

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          Mit Keramik fing es an, mit Gesprächen über andalusische Deckenfliesen und Azulejos aus Valencia. Denn in Madrid sind sie sich im Mai 1908 das erste Mal begegnet: Walter Gropius, der, gerade fünfundzwanzig Jahre alt, eine kleine Erbschaft nutzte, um neun Monate Spanien zu bereisen und in einer Kachelmanufaktur bei Sevilla zu hospitieren, und Karl Ernst Osthaus, der Mäzen und Kulturreformer aus Hagen. Der Museumsgründer war auf Anhieb angetan von dem neun Jahre jüngeren Architekturstudenten und beauftragte ihn mit dem Ankauf von Neuerwerbungen.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Um Keramik geht es zunächst auch in dem Briefwechsel zwischen Osthaus und Gropius, den dieser nach seiner Rückkehr aus Spanien beginnt: um Preise, die Versicherung und den Transport. Doch gleich im ersten Brief fragt Gropius auch, ob Osthaus Antwort von „Peter Behrends“ (sic!) bekommen habe: „Ich bin arbeits- und stellenlos (und) stehe jeden Augenblick zur Disposition.“ Schon sechs Tage später erhält er eine Nachricht, die ihn „recht erfreut“, und am 1. Juli fängt er in Behrens’ Atelier in Neubabelsberg an. Auf Vermittlung von Osthaus, der Behrens seit 1904 mehrere Aufträge erteilt hatte, beginnt der Studienabbrecher Gropius seine berufliche Laufbahn bei einem der wichtigsten Architekten und Designer der Moderne. Es sollte nicht der letzte Karriereschub bleiben, den er von seinem Förderer erhielt.

          Erste Station 1911 in Görlitz

          „Lieber Herr Osthaus, lieber Herr Gropius“, das „Herr“ fällt erst 1916 weg. Der Briefwechsel, den sie über zwölf Jahre führen, belegt es: Osthaus vermittelt Gropius Aufträge, verhilft ihm Ende 1910 zur Aufnahme in den Deutschen Werkbund wie auch dazu, für dessen Ausstellung 1914 in Köln eine Musterfabrik zu entwerfen, engagiert ihn 1911, während er mit Adolf Meyer das Faguswerk in Alfeld realisiert, als Kurator der Ausstellung „Vorbildliche Industriebauten“ und empfiehlt ihn bereits 1915 Henry van de Velde, dem er im Jahr 1900 begegnet war und seine ästhetische Bekehrung verdankt, als Nachfolger an der Weimarer Kunstgewerbeschule, aus der 1919 das Bauhaus hervorgeht. Der Titel einer Ausstellung, die das Baukunstarchiv NRW in Dortmund zeigte, brachte es auf den Punkt: „Vor dem Bauhaus – Osthaus.“

          Ohne diesen Gönner und Netzwerker wäre Gropius nicht Direktor der Kunstschule in Weimar geworden; mit einem ähnlich elitären Selbst- und Sendungsbewusstsein ausgestattet, haben beide, zumal in den Richtungskämpfen innerhalb des Werkbunds, über Jahre hinweg am gleichen Strang gezogen. Ihr Austausch bricht wenige Wochen vor dem Tod von Osthaus ab, der 1921, erst 46 Jahre alt, in Meran stirbt. Dass kein Kondolenzbrief von Gropius überliefert ist, muss irritieren. Was er Osthaus zu verdanken hat, bekundet er fast ein halbes Jahrhundert später, als er auf die Bitte der Hagener Museumsdirektorin Herta Hesse-Frielinghaus, „mir aus Ihrer Erinnerung einige Zeilen“ zu schreiben, am 8. Mai 1969, zwei Monate vor seinem Tod, „some notes to your questions“ schickt und resümiert: „Osthaus was instrumental in supporting me.“

          Kühltürme, Standort unbekannt, vor 1910

          Der Briefwechsel, der mehr als vierhundert Dokumente umfasst, lässt sich auch als Kommentar zu den kulturpolitischen und ästhetischen Debatten und Auseinandersetzungen lesen, die vor und während des Ersten Weltkriegs geführt wurden: Wohnungs- und Städtebau, Industriearchitektur und Gartenstadtbewegung, soziale und kulturelle Fragen sind beherrschende Themen. Birgit Schulte und Reinhold Happel, die die Korrespondenz gesichtet und in einer großzügigen Edition für das Osthaus Museum in Hagen publiziert haben, bereiten dazu die Ausstellung „Vorbildliche Industriebauten“ auf, die Osthaus für das Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe zusammenstellen ließ und auf Wanderschaft schickte. Auf ihrer ersten Station, 1911 in Görlitz, zeigte sie 49 Exponate, danach ist sie auf bis zu hundertzehn Fotografien angewachsen.

          Hagen nur am Rande

          Der Versuch, die Schau zu rekonstruieren, bringt sie weitgehend komplett zurück, und die auf technisch-sachliche Architektur ausgerichtete Dokumentation unterstreicht den Anspruch von Gropius, „dass man einfache Nutzbauten schön finden kann“. Zu den Industrie-, Lager- und Markthallen, Wassertürmen und Verkehrsanlagen treten Speicher, Silo-, Fabrik- und Bürogebäude, aber auch Eisenbahnwagen, Lokomotiven, Automobile und Flugzeuge – eine Horizonterweiterung über die Architektur hinaus auf eine Welt, in der Kunst und Technik zusammenfinden. Denn, so Gropius in einem Begleitblatt, „auch beim Bau von Maschinen, Fahrzeugen und Fabrikgebäuden, die dem nackten Zweck dienen“, sollten „ästhetische Gesichtspunkte in Bezug auf Geschlossenheit der Form, auf Farbe und auf Eleganz“ zur Geltung kommen. Von Buenos Aires über Baltimore und Buffalo, Brüssel und Bremen, Barmen und Berlin bis nach Breslau reicht das Panorama, nicht nur die Granden der Industriearchitektur, Peter Behrens und Hans Poelzig, auch Paul Bonatz, Bruno Taut und viele andere sind vertreten; von seinem Faguswerk hat Gropius gleich sechs Ansichten aufgenommen.

          Der „kunstverlassene Industriebezirk an der Ruhr“, den Osthaus „für das moderne Kunstschaffen zu gewinnen“, und seine Heimatstadt Hagen, die er zu einem „Stützpunkt künstlerischen Lebens“ zu machen begonnen hatte, aber kommen nur am Rande vor: ein Manko, das sich mit einer gebauten Wirklichkeit, die noch vom Historismus bestimmt wurde, deckt und erst in den zwanziger Jahren tendenziell ausgeglichen wurde.

          Walter Gropius: Die Wanderausstellung „Vorbildliche Industriebauten“. Im Osthaus Museum, Hagen; bis zum 12. Januar 2020.

          Der Begleitband „Karl Ernst Osthaus/Walter Gropius: Der Briefwechsel 1908–1920“ ist im Klartext Verlag Essen erschienen und kostet 29,95 Euro.

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