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Robert Gambiers Boltons Porträt eines Tigers der die Zähne bleckt, entstanden um 1891 Bild: Markus Hilbich

Von der Malerei zur Fotografie : Der Löwe im Tierpark hält nicht still

  • -Aktualisiert am

Malen nach Fotos: Für die bildende Kunst war die Erfindung der Fotografie eine willkommene Hilfe. Eine Münchener Ausstellung zeigt großartige Studienaufnahmen – und wie Motive als Vorlage dienten.

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          Das Wetter ist miserabel, an Malen im Freien ist tagelang nicht zu denken. Der Löwe im Tierpark hält einfach nicht still; und irgendwann möchte das Aktmodell mal wieder den Arm aus der Schlinge nehmen, die ihm half, über Stunden ein und dieselbe Position zu halten. Willkommene Hilfe in solchen Fällen brachte Malern und Bildhauern die Erfindung der Fotografie. Wie viele andere etwa begrüßte Eugène Delacroix sie begeistert als Gedächtnisstütze, auch von Gustave Caillebotte weiß man, dass er sich ihrer bediente, und Franz von Lenbach schaffte seine vielen Porträtaufträge nur, weil er sie mit Hilfe durchgepauster Bildnisfotos rationalisierte.

          Ein ganz besonderes Einsatzgebiet des Lichtbilds wurden die Kunstakademien; übten angehende Künstler ihre Fertigkeiten bis dahin am Vorbild von Zeichnungen, Gipsabgüssen, Stichen und eben lebenden Modellen, halfen nun Fotosammlungen, Aufwand und Kosten zu sparen, vor allem aber erweiterten sie das Repertoire an Vorlagen ins nahezu Unermessliche. Man kann nur ahnen, was in Akademien an Fotoschätzen verlorengegangen sein muss durch zwei Kriege oder weil sie als technisches Hilfsmaterial irgendwann überflüssig waren und ausrangiert wurden, bevor das Medium selbst in den Status von Kunst aufrückte.

          Verhaftungen im Aktsaal

          Berlin hatte Glück: Im dortigen Archiv der Universität der Künste blieb eine umfangreiche, wertvolle Lehrsammlung erhalten. Aufgebaut haben sie die Vorgängerinstitute, die Berliner Kunstakademie und die Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums etwa von 1850 an. In den zwanziger Jahren wurde beides zusammengelegt, dann bald kaum noch beachtet. Als man in den vergangenen fünf Jahren im Rahmen eines Forschungsprojektes diesen Schatz mit Hilfe der Fotoabteilung des Münchner Stadtmuseums inventarisierte und digitalisierte, zählte man 25.000 Aufnahmen und stieß auf die Namen vieler berühmter Fotografen. Zum Beispiel Eadweard Muybridge, dessen Serienfotografien nicht nur Kunststudenten erstmals genaue Anschauung von Bewegungsabläufen vermittelten.

          Ein Foto von Édouard Baldus der Kathedrale Notre-Dame in Paris aus dem Jahr 1857.

          In der Ausstellung „Vorbilder/Nachbilder“, die Ulrich Pohlmann aus 320 Bildern im Münchner Stadtmuseum kuratierte, hängen Muybridges Studien bei den Aktaufnahmen. Ebenso italienische Jünglinge, die Wilhelm von Gloeden vor der Kamera den „Dornauszieher“ und andere Antiken nachstellen ließ; dazu Aufnahmen schlanker Frauen oder von moppeligen Babys als Bildvorlagen für Putti und Engelchen. Positiver Nebeneffekt: Mit „Disziplinarschwierigkeiten“ im Aktsaal, es gab sogar Verhaftungen, wie Akademieprotokolle überliefern, dürfte nach Einführung des neuen Lehrmittels Schluss gewesen sein.

          Ob Gustave Le Grays „Zweimaster im Mondschein“, raffiniert aus zwei Negativen komponiert, oder Aufnahmen im Wald von Fontainebleau von Eugène Cuveliers, der dort im Kreis der Barbizon-Maler lebte – fotografiert gelangten auch Landschaften und Naturstücke in den Ateliers zur Anschauung, die der Allgemeinheit sehr viel schwieriger zugänglich waren als heute, Kautschukbäume in Ceylon etwa oder das gewaltige Schauspiel der Niagarafälle, das der Amerikaner Hermann F. Nielson auf die Platte bannte. Künstler, die weite Reisen unternehmen konnten, um Originalschauplätze kennenzulernen, weil sie vielleicht Orientszenen im Sinn hatten, waren abenteuerlustige Ausnahmen, viele, und ganz sicher die Studiosi hielten sich auch hierfür an Fotomaterial.

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