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Zeichnungsschau im Städel : Explodierende Farbformereignisse

In Ernst Wilhelm Nays „Lofotenlandschaft mit See“ von 1938 ist der hautfarbene Mensch links buchstäblich Teil der Natur, die aus einem harten Kontrast zwischen feinkugeligen Farbpigmenten und der rauen Oberfläche des weißen Papiers besteht Bild: Städel Museum

Von Max Beckmann bis Gerhard Richter: Das Frankfurter Städel Museum zeigt hundert seiner besten deutschen Papierarbeiten des zwanzigsten Jahrhunderts.

          3 Min.

          Im Jahr 1911 schrieb Wassily Kandinsky: „Die heutige Kunst geht von zwei Hauptpunkten aus: 1) zu der großen Abstraktion. 2) zu der großen Realistik. Diese zwei Pole eröffnen zwei Wege, die schließlich zu einem Ziel führen.“ Kandinsky packt mit diesen zwei zu den Generallinien Abstraktion und Realistik führenden „Hauptpunkten“ nicht nur die Grundüberzeugung seines späteren Buchs „Punkt und Linie zur Fläche“ in den formelhaften Satz. Er gibt bei aller nötigen Verallgemeinerung auch eine gültige Beschreibung der Ausrichtung deutscher Kunst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, unter deren Rubrum die nun eröffnete Schau „Große Realistik & große Abstraktion“ im Frankfurter Städel Museum getreu seinen Worten hundert ihrer 1800 deutschen Zeichnungen des letzten Saeculums zeigt.

          Alles, was sich mit Papier anstellen lässt

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Zwei Einschränkungen sind dabei vorauszuschicken, die aber paradoxerweise den Rahmen erweitern. Zum einen handelt es sich nicht um einen ermüdenden Papierwald aus hundert Zeichnungen in Schwarzweiß - auch Noldes farbglühendes Aquarell „Vierwaldstätter See“ von 1930, sein in Nachtblau versinkendes „Paar“ von 1931, Karl Schmidt-Rottluffs helle „Landschaft mit Booten“ oder Anselm Kiefers über sechs Quadratmeter messender Holzschnitt „Wege der Weltweisheit: Die Hermanns-Schlacht“ von 1978 in buchstäblich „großer Realistik“ werden gezeigt – im Grunde somit alles, was an „Zeichnung“ im Sinne von Disegno-Entwurf von Künstlern auf Papier gesetzt wurde.

          Wie in der chinesischen Kalligraphie: In der 1957 furios aufs Papier geworfenen Gouache „Ohne Titel“ von Karl Otto Götz stecken Jahrzehnte der Übung

          Besonders klar wird das, wenn etwa August Mackes konzentriert-abstraktes „Mädchen am Abend auf der Bahnüberführung“ von 1913 im Städel neben seinem monumentalen Ölgemälde „Zwei Mädchen“ aus demselben Jahr hängt, auf dem er einem Teil der hieroglyphischen Kürzel und fast klaustrophobisch wirkenden Rauten aus dem Zeichnungshintergrund eine große und deutlich freundlichere Bühne bereitet. Diese sich auf dem Papier anbahnenden „Farbformereignisse“, wie Ernst Ludwig Kirchner die halb unbewusst-zufallsgenerierten, halb kalkulierten Ergebnisse oft gemeinsam zelebrierter Zeichenorgien nannte, finden sich selten derart aufschlussreich im Vergleich nebeneinander.

          Zum zweiten treffen sich eben nicht nur in Kandinskys Buch Punkt und Linie in der Fläche - auch in der Städelschau wird deutlich, dass die deutschen Künstler mindestens „auf dem Papier“ nie völlig abstrakt wurden, wohl aber sehr früh die Tiefenperspektive aufgaben und Vorder- wie Hintergrund in einer Ebene konzentrierten. Das beginnt bereits mit dem hinreißenden Porträt „Marie Swarzenski“, das Max Beckmann 1927 von der Frau des legendären Städeldirektors fertigte. Über ihr neusachliches Gesicht legt er einen derart abstrakten Balken in kreidig weißem Pastell, dass dieser auch vierzig Jahre später von Rothko ins Bild gemalt worden sein könnte; den edlen Pelz deutet er nur summarisch durch Bleistiftkürzel auf dem braunen Papier an, während ihre Augen das typische Beckmann-Aquamarin erhalten und damit genau jene „Transzendente Sachlichkeit“ ausstrahlen, die er all seinen Bildern mitgeben wollte und die der rote Faden ist, der sich durch alle gezeigten Arbeiten zieht.

          Aus Max Beckmanns flächigem Pastell „Bildnis Marie Swarzenski“ von 1927 stechen die Aquamarinaugen und der abstrakte Kreidebalken über ihr hervor

          Auch Papier lässt sich auf die Staffelei spannen

          Augenfällig wird diese Balance aus einer Lösung vom schnöden Irdischen durch Stilisierung und dem gleichzeitigen Verhaftetsein am „Gegen“-Stand auf Ernst Wilhelm Nays „Lofotenlandschaft mit See“ von 1938. Im norwegischen Exil setzt er das Vulkanische dieser Urlandschaft in expressiven Farben um, große Teile des Himmels und der Felsen bleiben der Weißraum des Papiers. Ein Fischer links geht fließend in den dunklen Stein über, auf dem er sitzt. Die Symbiose von Mensch und Umwelt ist auch deshalb so stark, weil Nay sie vor Ort unter dem direkten Eindruck der Elemente Luft, Wind und Wasser geschaffen hat - die Spuren des Klemmbretts sind am Original gut zu erkennen.

          Technisch wie inhaltlich perfekt: Gerhard Altenbourg setzt in „Marder-Mandorla“ von 1982–1984 Gouache, Pulverfarbe, Aquarell, Bleistift, chinesische Tusche und Lithographie ein

          Obwohl sammlungsgeschichtlich bedingt keine einzige Frau unter den überwiegend der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg entstammenden Papierarbeiten zu finden ist, muss der Ausstellung konzediert werden, dass sie eine andere Lücke der meisten deutschen Museumsschauen intelligent füllt: Gleich der zweite Saal ist Künstlern der ehemaligen DDR gewidmet, so dem wichtigen Eugen Schönebeck aus Heidenau bei Dresden, Gerhard Richter von ebenda, A. R. Penck oder Gerhard Altenbourg. Schönebeck formt gepanzerte Robotergesichter. Bei Tübke entdeckt man ebenso wie auf Altenbourgs „Marder-Mandorla“ schnell Abstraktionen, die das Vorurteil der willigen Vollstreckung eines platten sozialistischen Realismus Lügen strafen. In Altenbourgs säkularisierter Form der Uterus-Mandorla stehen sich zwei wie in einer indischen Miniatur mit dem hauchfeinen Marderpinsel aus tausenden von Punkten gebildete Köpfe gegenüber, die eine krisselige Lithographie imitieren. Eingerahmt wird das wie bei Klimt von zwei abstrakten Ornamentflächen.

          Und auch auf Gerhard Richters „o.T., 2. November 1989“ finden sich Myriaden von Punkten in einer Wolke, die dunkel über perspektivisch nach hinten ziehenden Linien einer feldartigen Fläche steht. Richter zufolge ist die Zeichnung zwar „nicht lesbar“. Sie gebe aber, so der Künstler, seine Stimmung im November 89 „erstaunlich präzis wieder“.

          Große Realistik & große Abstraktion. Zeichnungen von Max Beckmann bis Gerhard Richter aus dem Städel Museum. Im Städel, Frankfurt; bis zum 16. Februar 2020. Der Katalog kostet 34,90 Euro.

          Weites Feld Deutschland: Gerhard Richters Zeichnung „o.T., 2.11.1989“

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