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Sophie Taeuber-Arp : Die Schönheit der Moderne wohnt nicht nur im Museum

  • -Aktualisiert am

Sophie Taeuber-Arp gilt als bedeutende Malerin und Bildhauerin. Es gibt jedoch Arbeiten, die vorerst in der Schublade ihren Platz fanden. In Bielefeld werden jetzt ihre Entwürfe für Mode und Architektur entdeckt.

          Wie hat das alles nur angefangen? Wie wurde Sophie Taeuber-Arp, was sie ist - oder besser war, denn sie starb ja bereits 1943, viel zu früh, im Alter von dreiundfünfzig Jahren durch einen tragischen Unfall? Auf diese Frage gibt die Ausstellung „Sophie Taeuber-Arp. Heute ist Morgen“ in der Kunsthalle Bielefeld eine verblüffende Antwort. Sie besteht in dem frühesten Werk, das die Schau zeigt. Eine quadratische Zeichnung, datiert auf die Jahre 1911 bis 1914. Das Werk trägt keinen Titel. Gesagt wird nur, wofür es gut ist: dafür, ein Kissen zu besticken, mit aufwendigen rotierenden Kurbelstickereien. Auf dem Blatt scheinen die Kreise in Bewegung, sie drehen sich gegeneinander, Striche werden zu Blüten und fallen in abstrakte Muster und Ornamente auseinander.

          Solche Entwurfszeichnungen zählten lange zu den bestgehüteten Geheimnissen in der Biographie der Künstlerin. Zu feminin, zu kunstgewerblich, zu angewandt, lautete das Urteil. Dem Image einer seriösen Künstlerin, so glaubten auch die Wohlmeinenden, würde man damit nur schaden. Also blieben sie in der Schublade. In Bielefeld sieht man in der angenommenen Schwäche nun gerade eine Stärke. Wer das erstaunliche Schaffen von Taeuber-Arp verstehen möchte, darf die Kurbelstickerei nicht verachten, nicht die Handarbeit oder das Kunsthandwerk. Sie sind der Anfang, der Humus, der fruchtbaren Boden, aus dem in einem überraschend kurzen Zeitraum eine noch überraschendere vielseitige Saat herausschoss.

          Ratlose Kuratoren

          Zu sehen sind in Bielefeld nun mehr als zweihundert Werke, etwa zwei Drittel des Bestands der vorangegangenen Ausstellung im Aargauer Kunsthaus, mit dem zusammen die Schau konzipiert wurde. Die größten Stücke konnten leider nicht mitreisen: Es fehlen die Möbel, die Taeuber-Arp entwarf, die Tische, Regalmodule und Schubladenschränke. Doch auch wenn man sie nur im Katalog bewundern kann, stellen sie die Zeit auf den Kopf. Was Taeuber-Arp Ende der zwanziger Jahre entwarf, sieht aus, als habe Ikea die besten Designer gebeten, minimalistische Objekte von Donald Judd neu zu interpretieren und in Gebrauchsgegenstände zu verwandeln. „Gebrauchsgegenstand“ ist überhaupt das Schlüsselwort zur Schau: Taeuber-Arp wurde 1889 in der Schweiz geboren, in Davos-Platz, als Tochter eines Apothekers. Die Dinge, mit denen sie sich in der Jugend beschäftigt, sind für Mädchen nicht unüblich. Sie stickt, webt, häkelt, strickt, zeichnet, malt und collagiert.

          Sie tut dies so unermüdlich, dass daraus eine eigene, selbstgeschaffene Welt entsteht. Eine Fotografie aus dem Jahr 1903/04, die Roswitha Mair auch in ihrer Biographie „Handwerk und Avantgarde. Das Leben der Künstlerin Sophie Taeuber-Arp“ von 2013 abbildet, zeigt das Mädchen Sophie glücklich und stolz vor einer Art Pinnwand in ihrem Zimmer - mit ausgeschnittenen Bildern und Selbstgebasteltem. Als junge Frau schreibt sie sich an Kunstgewerbeschulen in München, Hamburg und Zürich ein. An der Kunstgewerbeschule Zürich lehrt sie selbst von 1916 bis 1929, dann zieht sie mit Hans Arp, den sie inzwischen geheiratet hat, nach Frankreich. Taeuber-Arp ist zu diesem Zeitpunkt vierzig Jahre alt. Sie brilliert auf zwei Gebieten: Auf der einen Seite malt sie abstrakte Bilder, Kompositionen in reduzierten Farben. In den dreißiger Jahren, wie man in Bielefeld sehen kann, erinnern viele davon an industrielle Schaltpläne. Auf der anderen Seite ist Taeuber-Arp eine gefragte Designerin: Der Kosmos ihrer Entwürfe ist größer als nur die Museums- oder Galeriewand. Er ist nicht nur im Kopf, sondern auch im Leben, im Alltag. Sie richtet Apartments und Hotels ein, berühmt wird das Café in der Aubette in Straßburg, ein Gemeinschaftsprojekt mit Arp und Theo van Doesburg. Bereits zuvor entwarf sie Mode, Taschen oder Mützen, 1918 schuf sie für das Bühnenstück „König Hirsch“ die Marionetten. Die Übergänge zwischen Bild, Skulptur, Möbel, Raum oder Architektur sind immer fließend. Häufig wissen nicht einmal die Kuratoren, mit was sie es zu tun haben. Ist das ein Entwurf für ein Kissen, ein Zimmer, ein Kleid? Oder eine abstrakte Komposition ohne Nutzanwendung?

          Die Künstlerin starb in Zürich, wohin sie mit ihrem Mann vor den Nationalsozialisten floh. Durch einen defekten Ofen erlitt sie eine Kohlenstoffmonoxidvergiftung. Ihr Mann half nach ihrem Tod, das Werk zu inventarisieren. Er nahm fast keine Arbeiten auf, die als angewandt gelten könnten. Hans Arp wollte, dass sich die Nachwelt an sie als abstrakte Malerin und Bildhauerin erinnert. Er meinte es, ohne Zweifel, gut. Er hat sich trotzdem geirrt. In Bielefeld kann man nun die Vielfalt und Größe des Werks endlich wiederentdecken.

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