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El Greco im Grand Palais Paris : Seine Farben wärmen nie

Fiebertraum einer expressiven Moderne, eingebettet in den Stoff der Geschichte: El Grecos „Vision des Johannes“, an dem er als eine Art Manifest seiner Überzeugungen als Maler von 1610 bis zu seinem Tod 1614 arbeitete Bild: Trujillo Juan/The Metropolitan Museum of Art, Dist./dpa

Feuer, Licht, Stoff: Der Grand Palais in Paris zeigt den gesamten El Greco. Nahezu jedes Bild reicht dabei auf grandiose Weise über die Jahrhunderte hinweg hinein in die moderne Kunst.

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          Cézanne kopierte im Jahr 1885 die „Dame mit Hermelin“, die El Greco damals noch unumstritten zugeschrieben wurde, ebenso wie Manet, Toulouse-Lautrec und sogar auch Vallotton fleißig Kopien von Bildern des Kreters Domínikos Theotokópoulos anfertigten, der 1576 nach Toledo in Spanien übersiedelte und dort als El Greco, „Der Grieche“, Kunstgeschichte schrieb.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Wann immer es ambitionierten Künstlern seither um Gesichter als Kampfzonen der Seele zu tun war, steckte mit einiger Sicherheit El Greco als Vorbild dahinter, wie nun eine grandiose Schau im Pariser Grand Palais zeigt. Würde man etwa die Gesichter der Hirten in der ausgestellten „Anbetung des Kindes“ der Sammlung Botín, ursprünglich aus El Grecos erstem großen Auftrag, der Kirche Santo Domingo el Antiguo in Toledo stammend, ausschneiden und auf dem freien Markt als Neo Rauch verkaufen, stünden die Chancen auf einen unangefochtenen Verkauf weit besser als für schlecht gefälschte Rakelbilder Gerhard Richters: Allein drei Hirten dieser berühmtesten Anbetung El Grecos mit ihrem stolpernden Ins-Bild-Fallen und den flackernden Lichtkonturen ihrer Gesichter finden sich immer wieder anverwandelt in Rauchs Gemälden - als Hommage. Bei den deutschen Expressionisten und dem Berliner Hochschuldirektor Karl Hofer mit seinen paradox „glühenden“ Maskengesichtern der Nachkriegszeit war dies auch schon nicht anders. Erst recht ist der stechende Blick des Inquisitors „Niño de Guevara“ aus seltsam modern wirkenden runden Brillengläsern von den wiederholten Paraphrasen des englischen Malers Francis Bacon seit den sechziger Jahren unangenehm vertraut.

          Obwohl Sankt Martin mit seiner Rüstung dem spanischen König Philipp II. als El Grecos Auftraggeber ähnelt, verbindet beide doch das grüne Tuch: „Der heilige Martin teilt seinen Mantel mit dem Bettler“ aus der National Gallery in Washington, 1597/1599

          In der Pariser Ausstellung ist kein einziges Bild dieser Bewunderer ausgestellt, und dennoch erkennt selbst der Laie an der exquisiten Auswahl an El Grecos sofort dessen Modernität. Bereits auf seinen ersten ikonenhaften Arbeiten der chronologisch gehängten Schau, noch aus Kreta und dann aus den Tizian und Tintoretto aufsaugenden venezianischen Lehrjahren ab 1567 stammend, zeigt sich, dass er die Bildkompositionen allein durch Farbe zusammenbindet Auf dem frühen Altärchen aus Modena von 1568 taucht er alle drei Flügel mit Geburt und Taufe Christi sowie Apokalypse in Gelb, Orange und Rot. Farbe ist bei ihm jedoch stets auch Stimmungsindikator, für die Gesamtwirkung des Bildes wie für die Mikrozonen eines Gesichtes. Auf der „Heiligen Familie mit Maria Magdalena“ aus Cleveland, entstanden um das Jahr 1600, wird dies besonders deutlich: Auf der Stirn der Magdalena, die über die Schulter Mariens sorgenvoll aufs Kind blickt und deren fahlgraue Haut wie mit Metallspänen überdeckt wirkt, steht kalter Schweiß. Greco lässt diesen durch Lichtreflexe noch ungesünder hervorstechen. Bei ihm sind alle Bildbeteiligten stets mit Haut und Haar bei der Sache, eine Grundmelancholie aber haftet ihnen immer an. Wer dieses einzigartige Gesicht der Magdalena sieht und dazu noch den Satz weit oben auf der Ausstellungswand liest, dass Picasso bis hin zu seinen „Demoiselles d’Avignon“ einer der glühendsten Verehrer El Grecos blieb, denkt bei diesem graumüden Antlitz Magdalenas unmittelbar an des Spaniers abgekämpfte und verzweifelte Gesichter der Rosa und Blauen Periode.

          Dazu kommt, dass El Greco seine Figuren in meist nur wenig ausgemalte Hintergründe wie monumentale Farbfelder einbettet, weil er ihre Gewänder lediglich großräumig durch Falten gliedert. Die Heiligen aber sind fast immer durch ihre steifen Gewänder, die wie Stanniolpapier um Schokoladennikoläuse wirken, von den anderen Personen getrennt. Entsprechend harsch sind auch die Übergänge innerhalb ihrer Gewandfarbmassen, die El Greco nicht nur oft komplementär nebeneinandersetzt, sondern denen er vielfach noch zusätzlich einen metallisch harten Grat aufsetzt, an dem sich das Auge zu schneiden droht.

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