https://www.faz.net/-gqz-7b7kg

Ausstellung „Unter vier Augen“ : Im Sog der Erzählung

  • -Aktualisiert am

„Unter vier Augen“ heißt die Karlsruher Schau, für die fünfzig Schriftsteller und Kunsthistoriker gebeten wurden, sich ein Porträt auszusuchen und dazu zu schreiben. Sie haben in den Bildern ganz Unglaubliches entdeckt.

          Was haben die Hamburger Kunsthalle, das Kunsthistorische Museum in Wien, das Frankfurter Museum für Moderne Kunst, die Berliner Gemäldegalerie und die Staatliche Kunsthalle in Karlsruhe gemeinsam? Sie alle zeigen sich begeistert von ein und derselben Idee. Mittlerweile kann man diese Idee zwar gar nicht mehr als neu bezeichnen, so oft, wie sie in den vergangenen Jahren ins Werk gesetzt wurde. Aber ihrer Beliebtheit hat das nicht geschadet, denn nach wie vor ist die Begegnung von Kunst und Literatur, um die es hier geht, eine Art Spiel, dessen Herausforderungen sich Schriftsteller und Publikum gerne stellen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Von heute an sind also in Karlsruhe, wo die Staatliche Kunsthalle die Spielregeln noch etwas enger gefasst hat als gewohnt, die Ergebnisse dieses Zusammentreffens zu sehen, zu lesen und vor allem zu hören. Fünfzig Schriftsteller und Kunsthistoriker wurden eingeladen, jeweils ein Porträt aus der reichen Sammlung des Hauses auszuwählen und über das, im Wortsinn, Tête-à-tête einen Text zu verfassen - Wilhelm Genazino, Herta Müller, Martin Walser, Hans Pleschinski, Thomas Lehr, Friederike Mayröcker, Eva Menasse und Karl-Heinz Ott (um nur einige zu nennen) haben Beiträge geliefert. Dabei geht der Reiz dieser Versuchsanordnung natürlich über die Begegnung von alten Meistern und zeitgenössischen Literaten, die an sich schon viel Verlockendes birgt, hinaus. Die Texte, seien sie auch noch so unterschiedlich, sind sicher geeignet, vielen Besuchern den Zugang zu den Werken zu erleichtern.

          Auf diese Weise fanden auch Gemälde ihren Weg aus den Depots, die sonst nur selten ausgestellt sind. So hat etwa Herta Müller dafür gesorgt, dass Georg Philipp Schmitts’ „Bildnis eines Mädchens“ von 1838 wieder zu sehen ist. Und Martin Walser, der in seinem kurzen Text in die Haut der Malerin Marie Ellenrieder geschlüpft ist, sorgt - durch kluge Hängung unterstützt - dafür, dass der Malerin endlich Genugtuung widerfährt: Denn Ellenrieders Selbstporträt aus dem Jahr 1818 hat tatsächlich überhaupt keine Mühe neben dem benachbarten „Bildnis der Madame François Simon“ von Eugène Delacroix zu bestehen.

          In Karlsruhe aber kommt nun hinzu, dass sich durch die Konzentration auf das Wort eine weitere bemerkenswerte Erfahrung machen lässt: Viele Texte hören sich viel besser, als sie sich lesen. Will sagen, sie entfalten dort ihre größte Wirkung, wo die Gesprächssituation am unmittelbarsten imitiert wird - und zwar im Museum selbst. So bekommt hier jeder Besucher gleich am Eingang einen Audioguide zur Hand, mit dem er acht Stunden im Museum verweilen könnte, würde er alle fünfzig Texte in voller Länge hören. Das wird, zumal bei dieser Jahreszeit, natürlich niemand tun, und doch ist absolut vorstellbar, dass viele Leute deutlich länger bleiben werden, als sie ursprünglich wollten. Die beiden Sprecher Doris Wolters, die im vergangenen Jahr den Deutschen Hörbuchpreis gewonnen hat, und Frank Stöckle haben einfach hervorragende Arbeit geleistet. Ihre Stimmen erst sind es, die den Texten jene Lebendigkeit einhauchen, die es dem Besucher so leicht machen, das Geschriebene mit dem Gesehenen in einen Dialog zu bringen, ja, zu zwingen. Man kann sich, was hier geschieht, am besten als eine Art frühes Fernsehen vorstellen: Gab es zu Stummfilmzeiten ein bewegtes Bild, aber keinen Ton, so hat man es nun umgekehrt mit einem Ton und einem Standbild zu tun, das sich im Sog der Erzählung und vor den Augen des Betrachters verwandelt.

          Oft geht es dabei sehr amüsant zu. Gleich das erste (und älteste) Gemälde, das „Bildnis eines Gelehrten“, das um 1480 von unbekannter Hand entstand, verliert durch den parodistischen Text, den (die jüngste Schriftstellerin) Nora Gomringer verfasst hat, jede langweilige Strenge. Der porträtierte Mann, dessen Gelehrsamkeit in seinem rechten Zeigefinger zum Ausdruck kommt, mit dem er ein Buch an einer bestimmten Seite offenhält, spricht uns in breitem rheinischen Dialekt an - „isch ben ene schlaue Kääl sat och ming frau“ -, und sofort hat sich der beim Anblick des Bildes zuerst einstellende Eindruck, dass man den Gelehrten nämlich gerade in einem Augenblick stört, in dem er lieber weiterlesen würde, in sein Gegenteil verkehrt: Plötzlich erscheint er uns als einer, der nichts lieber tut, als sich unterbrechen zu lassen.

          Eine ähnlich weitreichende Wandlung erfährt auch das „Bildnis einer älteren Frau“, das 1572 von einem unbekannten niederländischen Meister angefertigt wurde. Was mag die Frau dazu gebracht haben, sich mit einem so finsteren, ja bösartigen Gesichtausdruck porträtieren zu lassen? Brigitte Kronauer, die ihren ebenso scharfsinnigen wie einfühlsamen Text wegen des grotesken Kopfschmucks der Dame sehr treffend „Die Haubentaucherin“ nennt, vermutet zunächst das Naheliegende: ein falscher Mann, eine ungestillte Lust, verlorene Illusionen. Aber dann wagt sie ein Gedankenexperiment nach dem anderen: Was wäre, wenn die Frau in Wahrheit Humor hätte? Wenn ein Don Juan trotz aller Bitterkeit in ihren Zügen versuchte, sie zu verführen? „Ich bin überzeugt, er würde nicht scheitern.“

          So begeben sich, wenn es gut läuft, Text und Porträt immer wieder in ein Gespräch. Welche Geschichten ein Bild und gerade ein Porträt erzählt, liegt natürlich immer auch im Auge des Betrachters, und es ist gut, wenn die dem Besucher dargebotenen Texte diesen Raum an Möglichkeiten nicht durch die eigenen Deutungen verschließen, sondern weiter öffnen. In Karlsruhe ist das nicht immer, aber oft sehr eindrucksvoll gelungen.

          Weitere Themen

          Armer Heiliger

          Bassenge : Armer Heiliger

          Die Ergebnisse der Auktion mit alter und neuer Kunst, sowie der Sonderauktion „Creatures“ bei Bassenge in Berlin.

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

          Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.

          „Kleiderpolizei“ im Hochsommer : Liberté, Egalité, Décolleté

          Es ist sehr heiß. Während die einen nur an Abkühlung denken, stören sich die anderen an freizügiger Sommerkleidung. In Frankreich wehren sich viele Frauen auf Twitter gegen diese Verurteilung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.