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Städtebau in Frankfurt : Sind alle Träume für immer zerstoben?

  • -Aktualisiert am

Wie eine Stadt zum „David unter den Metropolen“ wurde: Das Architekturmuseum zeigt, was Frankfurt in den letzten Jahrzehnten städtebaulich versäumte und was es gewann.

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          Die Stadt lässt man hinter sich, steigt hinauf zur „Urhütte“ - und findet sich wieder inmitten der Stadt. Das berühmte „Haus im Haus“ des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt ist ganzen Häuserschluchten gewichen: Graue, dunkle Kuben durchsetzen den „White Cube“; Platzhalter für die Hochhäuser Frankfurts, auf die sich der selbstgewählte Name „David unter den Metropolen“ stützt.

          Auf den blockigen Ausstellungsstelen befinden sich Bauentwürfe, Stadtpläne und Modelle. Organisch wirkt das nicht, veranschaulicht aber als stilisierte Stadt das Klotzhafte, penibel Geclusterte der Hochhausstadt. Nicht alle der gezeigten Bauten finden sich im heutigen Frankfurt wieder. Manche sind noch im Aufbau begriffen, andere sind längst wieder verschwunden, und wieder andere blieben nur Idee. Doch oft bezeugen gerade sie, dass utopische Stadtplaner auch von und für Frankfurt träumten.

          Beinahe Mies am Main

          Die Ausstellung erschließt man sich am besten flanierend. Ausgehend von der Innenstadt, dem zeitlichen und lokalen Ausgangspunkt der Frankfurter Hochhäuser, ist man in wenigen Metern bereits am Mainufer, im Europaviertel oder am Flughafen.

          Auf der Neuen Mainzer Straße, der „Bankenklamm“, hält man unwillkürlich inne vor einem Vierkant, den man so noch nie gesehen hat und der einen doch sofort an die Frankfurter Skyline erinnert. Kurator Philipp Sturm gerät ins Schwärmen, wenn er den Bau erläutert: Es handelt sich um einen Entwurf eines der bedeutendsten Architekten der Moderne, Mies van der Rohe: Mitte 1960 beschloss man im Vorstand der Commerzbank, ein Bürogebäude bauen zu lassen, in dem die gesamte Belegschaft untergebracht werden könnte. Es sollte ein Bau werden, der, ähnlich wie Mies van der Rohes seinerzeit schon hochberühmtes Seagram-Building in New York, eine „repräsentative, unaufdringliche Architektur“ biete. So entstand einer der letzten Entwürfe Mies van der Rohes, der, wäre er realisiert worden, Frankfurt das einzige Mies-Hochhaus Deutschlands beschert hätte. Doch die Commerzbank entschied sich für das 1973 vollendete bronzefarbene Doppelscheiben-Gebilde des Frankfurter Architekten Richard Heil, der dank seiner guten Kontakte zur Stadtverwaltung eine optimale Nutzung der knappen Grundstücksfläche anbieten konnte.

          Höhenflüge der Ideen

          Neben Versäumnissen wie diesem werden auch Verluste dokumentiert. Das wohl spektakulärste Beispiel ist die Sprengung des AFE-Turms der Goethe-Universität im Februar dieses Jahres. Was die Ausstellung als eine wichtige Dominante des Stadtbilds und einen signifikanten Bau des universitären Lebens würdigt, fesselt dennoch eher als Event: Mit Blick aus der Vogelperspektive kann der Besucher den Fall des Symbols für kritische Theorie wieder und wieder anschauen; eine Endlosschleife des nervenkitzelnden Moments der Sprengung, garantiert staubfrei.

          Dass mit dem Turm auch Träume zerstoben, wird in der Abteilung zu avantgardistischen Höhenflügen deutlich, die aufgrund der schweren Umsetzbarkeit und des immensen utopischen Potentials unverwirklicht blieben. Besonders beeindruckend ist da ein Entwurf des niederländischen Architekturbüros Van den Broek en Bakema, der, nach dem Vorbild der damals international gefeierten englischen Gruppe Archigram oder der japanischen Metabolisten, ganz auf das Konzept der autogerechten Stadt setzte. Entlang der Bockenheimer Landstraße, Frankfurts baumgesäumten Gründerzeitboulevards, und dem benachbarten Reuterweg sollten bis zu drei Verkehrsebenen und eine Phalanx von Hochhäusern entstehen. Weil dafür große Flächen des gründerzeitlichen Westends hätten weichen müssen, wurde der Entwurf vom Stadtplanungsamt abgelehnt; dennoch fielen bald darauf ganze Straßenzüge des Westends zugunsten von Hochhäusern der Spitzhacke zum Opfer.

          Vom Turm zum Tor

          Und heute? Noch immer ist wider besseres Wissen eine Durchmischung von Wohn- und Arbeitsräumen sowohl bei Anwohnern wie bei Investoren meist unerwünscht. Doch gibt es Ausnahmen. Das neue Ensemble des Taunus Turms nahe der Bankenklamm besteht aus einem Bürohaus und einem niedrigeren separaten Wohnturm. Beide sind durch ein Podiumsgebäude verbunden, in dem eine Etage seit kurzem vom Museum für Moderne Kunst bespielt wird.

          Höhepunkt der neuen Tendenzen ist das Gelände rings um den Frankfurter Flughafen, auf dem ein neuer Stadtteil entsteht: Gateway Gardens, eines der größten Quartiere einer europäischen „Airport City“ mit 35 Hektar und künftig 18.000 Nutzern, die in dem Quartier ihrer Arbeit nachgehen werden. Was städtebaulich einst der Bahnhof einer jeden Stadt darstellte, wird nun der Flughafen sein - das Tor zur Stadt. Einer Stadt wiederum, in der, wie die Ausstellung zeigt, unterschiedliche Zeiträume und Daseinszustände aufeinandertreffen und sich zu einem Gefüge aus Raum und Möglichkeit verdichten, das scheinbar unausweichlich in die Höhe strebte.

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