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Pietro Aretino in den Uffizien : Lustbarkeiten auf Bestellung

Pompös wie die Mächtigen seiner Zeit: Eines von zwei Porträts, die Tizian von seinem Freund Pietro Aretino malte. Bild: Gallerie degli Uffizi, Florence

Keiner schrieb so schön über Sex wie er: Die Uffizien präsentieren den Schriftsteller, Künstler und Lebemann Pietro Aretino als Uomo universale der Renaissance.

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          Anders als die übrigen Renaissancegenies wie Leonardo, Raffael oder Michelangelo prägte der Schriftsteller Pietro Aretino nicht nur die Kunst seiner Zeit durch sein eigenes Wirken; er reflektierte auch philosophisch über jenen Stil, den wir heute allzu selbstverständlich „Renaissance“ zu nennen gewohnt sind. Aretinos profunde, dennoch mit dem nötigen Abstand geschriebene Analysen speisen sich nicht zuletzt aus seiner erstklassigen Sammlung an Zeitgenossen, die in einer Ausstellung in den Florentiner Uffizien nun fast vollständig rekonstruiert werden konnte.

          Hip-Hopper der Renaissance mit übergroßer Goldkette

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Einige der besten Werke, über die er intelligent räsonierte, sind hier versammelt: von Tizian, Sebastiano del Piombo, Lorenzo Lotto, Tintoretto und den üblichen Verdächtigen der Hochrenaissance und des Manierismus, insgesamt fast hundert Werke der Malerei und Skulptur, zusammen mit aufwendig illuminierten Manuskripten aus seinem Besitz. Allein die Sorgfalt, die Tizian für die zwei ausgestellten Porträts Aretinos aufwandte, gleicht jener, mit der er sonst Päpste und Kaiser porträtierte – der mächtige Leib wird von einer orangerot schimmernden Seide bedeckt, die wie eine gewaltige Zwiebel in zwei weiteren Schichten von einem wertvollen Pelz und einer klobigen Goldkette, die auch eine Hafeneinfahrt versperren könnte, überdeckt wird. Den Sonetteschreiber Aretino könnte man sich mit diesem Kleiderluxus und der überdimensionierten Goldkette auch gut als heutigen Hip-Hopper vorstellen.

          So vertrackt, wie manches Theaterstück Aretinos: Lorenzo Lottos „Porträt einer Frau, inspiriert von Lucretia“, um 1530-33. Die aufwendig Gekleidete, vielleicht eine Kurtisane, hält eine Zeichnung des antiken Tugendvorbilds der Lucretia in der Hand; neben ihr auf dem Tisch liegt ein Bund Männertreu, auf dem gefalteten Zettel steht  "Nec ulla impudica Lucretiae exemplo vivet“, „Möge keine unkeusche Frau nach dem Vorbild der Lucretia leben“.

          Das Aufschneiderische hatte er allemal, war doch der 1492 im Kolumbus-Jahr geborene Sohn eines Schusters und der Margherita Bonci selbstverständlich laut Eigenwerbung „adeliger Abstammung“. Sein modisch graumelierter Hipster-Riesenbart jedoch, die listigen Augen und die riesigen Brauenbögen auf dem Porträt würdigen den Betrachter vor dem Bild keines Blickes, sondern schweifen weltmännisch-denkerisch wie bei Tizians Papstbildnis in die Ferne. Und das, obwohl Aretino mit mehreren Schriften auf dem päpstlichen Index landete und bis heute vor allem als Pornograph, namentlich mit seinen „I Modi“, der poetischen Beschreibung der unterschiedlichsten Kopulationsstellungen in rhythmischen Sonetten, bekannt ist.

          Aretinos Sonette zu sechzehn kamasutrahaften Stellungen, 1537

          Auch wenn oft vom Neid auf Künstlerkollegen zerfressen, hat Giorgio Vasari als Vater der modernen Kunstgeschichte in beiden Ausgaben seiner „Künstlerviten“ von 1550 und 1568 ausschließlich lobende Worte für Aretino und seine „maniera moderna“, dessen moderne Kunst auf der Höhe der Zeit, bereit. Ganz uneigennützig war dies freilich nicht: Vasari und Aretino, übersetzt „der aus Arezzo“, teilen dieselbe Geburtsstadt, so dass dem Kunstbiographen sehr an der Aufwertung seines ansonsten eher marginalen Toskanastädtchens gelegen war.

          In fünf Abteilungen zeichnet die Ausstellung die Hauptereignisse im Leben Aretinos nach: von den frühen Jahren in Arezzo und Perugia über seine Ankunft am päpstlichen Hof in Rom bis zur Umsiedlung nach Norditalien, wohin er für seine lästerlichen Spott- und Schmähschriften zuerst zum Hof des Gonzaga nach Mantua flüchtet, um schließlich bei den Reichen Venedigs zu reüssieren.

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