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Ausstellung über Ost-Berlin : Auferstanden aus Fassaden

Was ist im Jahr 1983 besonders ostberlinisch an dem Außenschwimmbecken des Sport- und Erholungszentrums Berlin? Bild: Museum

In Ost-Berlin musste niemand auf ein Skateboard verzichten? Eine Ausstellung im Berliner Ephraim-Palais rekonstruiert gerade die „halbe Hauptstadt“ der DDR.

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          Im Oktober 1983 bekommt die Redakteurin Annette Leo von der „Neuen Berliner Illustrierten“ den Auftrag, für einen Beitrag zum 45. Jahrestag der Reichspogromnacht in der Synagoge in der Oranienburger Straße zu recherchieren. Die Ruine der Synagoge ist abgesperrt, aber Annette Leo und ihr Fotograf ducken sich unter der Schranke des Pförtnerhäuschens hindurch. Im Innern des Gebäudes stellen sie fest, dass sich seit den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs fast nichts verändert hat: Das Kuppeldach ist geborsten, die Vorhalle mit Schutt gefüllt, der große Gebetsraum bis auf wenige Mauerreste zerstört. Auf einer Tafel aus Sperrholz, die an einer Wand lehnt, liest die Reporterin das Wort „Konsum“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Fünf Jahre später beobachtet die Journalistin Regine Sylvester die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Synagoge. Auch der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker hat seine Teilnahme zugesagt. Einige Tage zuvor, schreibt Regine Sylvester in ihrem Beitrag zu dem Band „Ost-Berlin. 30 Erkundungen“, der als Begleitbuch zur Ausstellung des Berliner Stadtmuseums im Ephraim-Palais erschienen ist, hatten Bautrupps die Fassaden der umliegenden Häuser übermalt oder mit Gerüsten kaschiert. „Am Morgen vor der Grundsteinlegung ratterte eine kleine Dieselameise vom Gartenbauamt heran, und ein Mann in Arbeitskleidung steckte drei grüne Tännchen ohne Wurzeln in ein leeres Trümmergrundstück.“ Dächer und Haustüren wurden von Stasi-Leuten bewacht.

          Aus ihren Hinterlassenschaften möglichst vollständig zusammengepuzzelt: die „halbe Hauptstadt“
          Aus ihren Hinterlassenschaften möglichst vollständig zusammengepuzzelt: die „halbe Hauptstadt“ : Bild: Stiftung Stadtmuseum Berlin/Oliver Ziebe

          Von der Kriegsruine zur Wohlstandskulisse, so ungefähr könnte man die Entwicklung beschreiben, die die Hauptstadt der DDR in ihrer vierzigjährigen Rumpfexistenz durchgemacht hat. Das wäre natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn der Wiederaufbau hat schon vor der sozialistischen Staatsgründung begonnen, und der Wohlstand Ost-Berlins war, wenigstens im Vergleich mit anderen Metropolen des Ostens, sehr real. Aber als Leitfaden für eine Präsentation zu vier Jahrzehnten Stadtgeschichte wären die zwei Schlagworte doch brauchbar. Denn das Thema selbst ist viel zu gewaltig und amorph, als dass man es ohne perspektivische Verkürzungen fassen könnte. Auch die städtische Architektur, von der Stalinallee bis zum Palast der Republik, könnte eine solche Perspektive bieten, wie die Hoch- und Subkultur mit Theatern und Szenekneipen und der Alltag der Ost-Berliner Bevölkerung.

          Die Ausstellung im Ephraim-Palais hat einen anderen Ansatz. Sie will „die halbe Hauptstadt“, wie sie sie nach dem Titel eines westdeutschen Reiseführers aus den achtziger Jahren nennt, aus ihren Hinterlassenschaften möglichst vollständig zusammenpuzzeln. Dabei geht sie nicht perspektivisch, sondern panoramatisch vor.

          Am Ende war Ost-Berlin eben doch kein idealsozialistisches Biotop, sondern das Aushängeschild eines totalitären Staats.
          Am Ende war Ost-Berlin eben doch kein idealsozialistisches Biotop, sondern das Aushängeschild eines totalitären Staats. : Bild: Stiftung Stadtmuseum Berlin/Oliver Ziebe

          Die drei Leitobjekte der Schau, verteilt über die Hauptgeschosse des Hauses, sind eine Rakete aus dem Freizeitpark im Plänterwald, ein Planmodell des Berliner Fernsehturms mit Alexanderplatz und Fischerinsel von 1989 und eine Installation mit Erinnerungsstücken von Einwohnern Ost-Berlins: eine S-Bahn-Fahrkarte vom 12. August 1961, ein Stewardessenkostüm der Fluggesellschaft Interflug, ein Reisepass mit DDR-Stempeln, ein sowjetischer Teddybär und so fort. Es geht um Urbanismus und Volksvergnügen, um Individuum und Geschichte, um frühes Leid und späte Nostalgie. Worum es nicht oder nur sehr indirekt geht, ist das eigentlich Ostberlinische an Ost-Berlin: das in zahllosen Romanen, Briefen und Selbstzeugnissen beschriebene Gefühl, in einer gut versorgten, flächendeckend überwachten Sackgasse zu leben.

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