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Der junge Josef Albers : Wo der Lehrer in die Lehre ging

Auch im Krieg musste Josef Albers keinen Helm tragen. Wegen einer Lungenkrankheit war er vom Wehrdienst befreit. Dieses Selbstbildnis stellte er 1916 her. Bild: Werner J. Hannappel, © The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn

Van Gogh sah ihm über die Schulter: Das Museum Quadrat in Bottrop zeigt das Werk von Josef Albers aus der Epoche vor seinem Eintritt ins Bauhaus.

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          In der großen Geschichte der deutschen Wirkung Vincent van Goghs kommt auch Josef Albers ein Kapitel zu – das am Anfang noch gar nichts zu tun hatte mit jener Interaktion der Farben, der Albers als emeritierter Professor der Yale-Universität ein bis heute immer wieder aufgelegtes Lehrbuch widmen sollte. 1915 zeichnete der siebenundzwanzigjährige Albers, der wegen einer Lungenkrankheit nicht zum Kriegsdienst herangezogen wurde, mit Tusche auf braunem Papier eine „Überführung im Bau an der neuen Strecke Essen-Bottrop“. Als Leihgabe aus einer Privatsammlung hängt das 35 mal 40 Zentimeter große Blatt jetzt in der von Ulrike Growe eingerichteten Ausstellung über den jungen Albers, mit der das Josef Albers Museum Quadrat Bottrop einen Beitrag zum Bauhaus-Jubiläum leistet.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Albers war 1915 nach zweijährigem Studium an der Königlichen Kunstschule in Berlin in seine Geburtsstadt zurückgekehrt, wo er eine Stelle als Volksschullehrer innehatte. Seine Arbeitsstätte hieß wie er: Josefschule. Am 19. März, dem Hochfest des heiligen Josef, im Jahr 1888 geboren, war er nach katholischem Brauch auf den Namen des Tagespatrons getauft worden. Bottrop war eine Boomtown des Ruhrbergbaus. Als Achtzigjähriger nannte Albers die Stadt seiner Kindheit, die rechtlich damals noch gar keine Stadt gewesen war, in einem Interview das Pittsburgh von Westfalen. Unangenehm hässlich sei Bottrop gewesen – nur in der Nacht nicht, wenn man im Zug saß und die Lichter der Zechen und Fabriken wie Feuerwerk aussahen.

          Die Zeichnung von der Baustelle des Eisenbahnbrückenkopfes hat mit ihren starken Konturen etwas Monumentales. Wie gewaltige Fertigteile scheinen die dreieckigen, mit waagerechten Schraffuren aufgefüllten Flächen montiert; sie ergeben eine Pyramide mit Durchbruch, die tief in den Boden einschneidet. Das Zweckbauwerk hat alle Landschaft verdrängt, schiebt sich als Riegel vor den leeren Himmel. Menschen sind keine zu sehen. Oben im rechtwinkligen Torbogen hängt ein Gerüst, das auf die Fortsetzung der Arbeiten wartet.

          Mit der Straßenbahn nach Essen

          Das Blatt ist das Denkmal eines Fortschritts, der Bottrop umkrempelte und dennoch links liegenließ. Die Eisenbahnanbindung bleibt ein traumatischer Punkt in den Chroniken der Lokalhistoriker. Der heute sogenannte Hauptbahnhof ist der Annex eines Einkaufszentrums weit südlich der Innenstadt; wer das Albers-Museum im Stadtgarten am Ende einer Villenzeile aus dem Goldenen Zeitalter von Neu-Pittsburgh besuchen will, nimmt von Essen aus lieber den Bus. Albers fuhr im Weltkrieg an seinen freien Nachmittagen mit der Straßenbahn nach Essen, um an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule seine Studien fortzusetzen.

          Als er im Niemandsland zwischen Essen und Bottrop vor der Wallanlage der künftigen Eisenbahn seine Zeichengerätschaften aufstellte, hatte er das Gefühl, dass van Gogh hinter ihm stand. Das erzählte er 1965 einem Doktoranden, der seine Arbeit über Leben und Kunst von Josef Albers 1968 an der New York University einreichte. Der englische Kunstkritiker Charles Darwent knüpft in seiner im vergangenen Jahr bei Thames & Hudson erschienenen Albers-Biographie an das Zitat die Frage, ob Albers in Berlin vielleicht van Goghs von Paul Cassirer 1910 erworbene Zeichnung der „Brücke von Langlois“ gesehen hatte.

          In einem anderen Interview führte Albers seine „große Bewunderung für van Gogh“ auf den Zeichenunterricht bei Philipp Franck zurück, dem Direktor der Königlichen Kunstschule. Eines Tages hatte Franck holländische Fotografien von Kohlezeichnungen van Goghs mitgebracht, die er an der Wand aufhängte. Jeden Morgen, erzählte Albers, versuchte er als Erster im Studiensaal zu sein, um unbemerkt die Abzüge zu berühren – zur Probe, ob nicht doch Kohlenstaub an seinen Fingern kleben blieb. Wenn es so gewesen wäre, hätten sich die Reproduktionen so verhalten wie ein Wallfahrtsbild, das an Festtagen Blut oder Tränen hervorbringt. In diesem ironischen Ritual nahm die mit einem Schlag geweckte Bewunderung die Form des Staunens eines Jungen aus der Provinz an: Das Material, das in Bottrop so schwer in der Luft lag, dass man kaum atmen konnte, hatte van Gogh zum Grundstoff seiner Kunst sublimiert.

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