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Archäologe Ludwig Pollak : In Rom leben, in Auschwitz sterben

  • -Aktualisiert am

Ludwig Pollaks letztes Zimmer im Palazzo Odescalchi. Bild: Museo di Roma

Nur in einem solchen Biotop konnten Wissenschaft, Sammlerwesen und Kunsthandel zum gegenseitigen Nutzen verschmelzen: Rom zeigt den Werdegang des weltberühmten Archäologen und Sammlers Ludwig Pollak.

          Es gibt Lebensgeschichten, die man vom Ende her erzählen muss, gerade weil das Ende alles verneint, wofür das Leben gestanden hatte. Am 16. Oktober 1943 also wurde der 1868 in Prag geborene weltberühmte Archäologe, Sammler und Kunsthändler Ludwig Pollak mit seiner Frau und den beiden Söhnen von der Gestapo in seiner römischen Wohnung im Palazzo Odescalchi verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo man die Familie wohl unmittelbar nach der Ankunft vergaste. Noch am Morgen der Verhaftung versuchte der Kunsthistoriker Fritz Volbach, gewarnt aus der deutschen Botschaft, Pollak zur sofortigen Flucht zu bewegen. Sogar ein Automobil wartete auf der Straße, um die Pollaks in den diplomatischen Schutz des Vatikan zu bringen, wo sie erwartet wurden.

          Doch der Fünfundsiebzigjährige, vertrauend vielleicht auf seine Stellung, seine Beziehungen oder sein Alter, wollte seine Wohnung nicht verlassen, angefüllt mit Kunstschätzen aus fünfzig römischen Jahren. Im Verlauf dieses berüchtigten sabato nero wurden 1023 penibel auf Listen verzeichnete römische Juden – Männer, Frauen und Kinder – in ihren Wohnungen verhaftet und deportiert. Die Listen waren ab 1938 von den italienischen Behörden im Zuge der sogenannte Rassengesetze erstellt worden.

          Bildung als Ausweg

          Der Fall Pollak markiert, jenseits des eigentlichen Verbrechens, das endgültige Zerbrechen dessen, woran er, wie viele andere, zumindest im Sinne der Hoffnung geglaubt hatte: dass es einen Ausweg gibt aus der altrömischen Erkenntnis, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, nämlich die Beschäftigung mit Kultur, Literatur und Kunst, kurz: Bildung. Dass durch Bildung nicht nur der Einzelne besser werde, sondern die Gesellschaft als Ganzes. Bildung, das war das große Versprechen, um das sich seit der Aufklärung eine deutsche Sprachnation versammelt hatte, die es als Staatsgebilde noch lange nicht geben sollte.

          Bürger, Aristokrat oder Jude wurde man durch Geburt und blieb es; Bildung hingegen war das Ergebnis einer Lebensleistung, die allen die Tür zur Begegnung auf Augenhöhe öffnen konnte, zum gemeinsamen Gewinn. Als Schirmherr dieses Versprechens leuchtete Goethe als patrizischer Bürger-Künstler bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein. Bildung war das Versprechen von der Gleichheit der Menschen durch ihre Erhöhung, nicht durch Nivellierung. Spätestens mit Auschwitz wurde klar, dass dieses große Versprechen bestenfalls eines auf Zeit gewesen war.

          Dabei war es tatsächlich die Bildung, die den Sohn eines jüdischen Tuchhändlers aus Prag über die Stationen des humanistischen Gymnasiums, der Prager K.K. Deutschen Universität sowie des berühmten archäologisch-epigraphischen Seminars der Universität Wien zur Ehrenmitgliedschaft des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom geführt hatte und in die Salons des dort lebenden europäischen Hochadels. Nicht als Diener oder Unterhalter, sondern als Experte für griechische und römische Kunst, noch lange die selbstverständliche Gipfelregion des europäischer Bildungskanons. Paläste, Ministerien, Institute, Sammlungen – alles stand ihm offen. Einige Türen freilich, welche die Bildung einst geöffnet hatte, wurden wie zum Gegenbeweis durch die zur Macht gekommene Unbildung wieder verschlossen. Das betraf vor allem jene der Bibliotheca Hertziana, benannt nach der Stifterin Henriette Hertz (1846–1913), einer Jüdin aus Köln, auch sie der Bildung, der Kunst und dem Schönen verschrieben. Als Kaiser-Wilhelm-Institut für Kunstgeschichte (heute Max-Planck-Institut) 1913 gegründet, hatte die Hertziana als Bibliothek und Forschungsstätte schnell Weltruf erlangt. Für Pollak, der schon im Salon der Stifterin verkehrt hatte, war sie ein zweites Zuhause.

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