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„Charlie Hebdo“-Künstlerin : Die Freigezeichnete

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Erlösung vom Trauma in der Kunst: Catherine Meurisse zeichnet sich selbst im Rothko-Himmel. Bild: Catherine Meurisse/Dargaud

Rückkehr ins Leben nach dem Massaker: Im Centre Pompidou wird das Werk der Comic-Künstlerin Catherine Meurisse ausgestellt. Die Exponate gehen weit über ihre Zeit bei „Charlie Hebdo“ hinaus.

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          Catherine Meurisse hat ein schönes Empfangsbild für die ihr gewidmete Ausstellung in der Bibliothek des Centre Pompidou geschaffen: Entspannt, fast träumerisch lächelnd sitzt sie auf einem dicht belaubten Ast, den ihre Linke gerade malt. Das Bild zeigt, wie sich die Künstlerin den eigenen Existenzgrund schafft: In Abwandlung des Sprichworts malt sie den Ast, auf dem sie sitzt. Was es nicht zeigt: dass weder Optimismus noch Kunst ein Geschenk sind. Meurisse ist einer jener scheinbaren Leichtfüße, die ihre Sache sehr ernst nehmen. Und dass sie noch lächeln und träumen kann, hat die Überlebende der „Charlie Hebdo“-Anschläge einer Trauerarbeit zu verdanken, die kaum mühelos gewesen sein kann.

          Die Ausstellung kommt im rechten Moment, sie kanonisiert Meurisse in den Augen der größeren Öffentlichkeit. Denn die Institutionen nehmen sie mit offenen Armen auf, so die Académie des Beaux-Arts, die Teil des Institut de France sind; damit gelangt eine Comiczeichnerin in jene große Dachorganisation, die seit Ludwig XIV. die nationalen Künste repräsentieren soll. Mit vierzig Jahren ist Meurisse auf dem Plateau angelangt, wie sie auch für die Presse zur ersten Reihe zählt.

          Die Ausstellung basiert auf einer früheren, die das Musée du Papier in Angoulême Anfang des Jahres gezeigt hat; die war jedoch pädagogischer, zielte auf andere Besucher. Die neue Version ist umstrukturiert: Sie entwirft ein kohärentes Szenario und kann auf Pariser Mittel zurückgreifen. Die Bibliothek des Centre Pompidou hat keinen fixen Ausstellungsraum, nur einen quadratischen Leerraum im zweiten Stock, der für jede Comic-Ausstellung (vorher waren Art Spiegelman, Claire Bretécher, André Franquin und Riad Sattouf dran) von Architekten eigens gestaltet wird. Die Kuratorinnen Isabelle Bastian-Dupleix und Caroline Raynaud hatten freie Hand.

          Ausstellung in Schneckenform

          Der Ausstellung haben sie die Form einer Schnecke gegeben, die sich in vier weitgehend biographische Räume einrollt, durch Stell- oder Leinwände getrennt. Der erste zeigt Jugend- und Frühwerke sowie prägende Einflüsse. Der zweite widmet sich den „Charlie“-Jahren. Der dritte führt die autobiographische Phase vor Augen, in der Meurisse sich nach dem Attentat ihrer Identität versicherte. Der vierte schließlich zeigt neue Werke, die einen freien Umgang mit Farbe und eine Öffnung auf fremde Kulturen belegen. Die Kuratorinnen konnten ihr Material passgenau wählen, denn die frühe Festanstellung bei „Charlie Hebdo“ (von 2005 an) hatte die erfreuliche Folge, dass Meurisse ihren Lebensunterhalt nicht wie andere Comiczeichner vom Verkauf der Originale bestreiten musste: Ihr Archiv hat die meisten der rund 180 gezeigten Arbeiten geliefert.

          Im ersten Abschnitt entdeckt man ein Mädchen aus der ländlichen Provinz (Deux-Sèvres), das früh mit Freude zeichnet, an Wettbewerben teilnimmt und mit dreizehn im Louvre ein künstlerisches Erweckungserlebnis hat; beide – Landleben und Museum – bringen ihr die Natur nahe. Wichtige Einflüsse sind auf einer Skala zu verorten, die von Tomi Ungerer bis Nicolas Poussin reicht, mit Sonderplätzen für den britischen Roald-Dahl-Illustrator Quentin Blake und später für Claire Bretécher, deren stilistischer Einfluss unübersehbar ist. Das Doppelstudium in Literatur und Kunstgewerbe beschließt sie mit der Illustration eines Textes von Alexandre Dumas über Delacroix, jedoch in einer Version, die sie im Interview (Bildschirme zeigen Ausschnitte) als „sehr radikal, sehr trocken“ bezeichnet. Der Raum zeigt auch Zeichnungen aus dem Comic „Olympia in love“ (2014), eine spielerische Handlung um und Variation auf Manets berühmtes Gemälde.

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