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Menzel im Kupferstichkabinett : Weil er es konnte

Gähnt nicht, weil die Kunst so langweilig wäre: Menzels „Mann im Bahncoupe“ von 1859, Pastell auf braunem Tonpapier Bild: SMB/Kupferstichkabinett/Dietmar

Adolph Menzel war ein brillanter Zeichner und wichtiger Maler: Am großartigsten aber ist er in seinen Pastellen, Gouachen und Aquarellen. Das zeigt sich nun in Berlin.

          4 Min.

          Dass wesentliche Teile der modernen Kunst vom angeblich so verschmockten neunzehnten Jahrhundert bereits vorweggenommen wurden, hat sich inzwischen herumgesprochen. Dass aber selbst der Impressionismus, den Verächter dieses Jahrhunderts meist als dessen einzig moderne Hervorbringung einräumen, nicht erst spät gegen Ende des Saeculums erscheint, sondern von Ausnahmekünstlern wie Adolph Menzel bereits in den frühen 1840er Jahren antizipiert wurde, ist eine noch keineswegs gesicherte Ansicht. Bislang war der einzige Kronzeuge Menzels „Balkonzimmer“ von 1842, in dem das zur Tür hereinflutende Sonnenlicht alle Konturen auflöst. Mit der nun eröffneten Schau „Menzel. Maler auf Papier“ im Kupferstichkabinett Berlin ist der Beweis erbracht, dass dieses präimpressionistische Bild kein einmaliger Ausrutscher war.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Vielmehr kennt der 1815 in Breslau geborene und neunzig Jahre später in Berlin verstorbene Jahrhundertmaler beinahe in all seinen Pastellen, Gouachen und Aquarellen nur ein Ziel: an die Grenzen dessen zu gehen, was Malerei überhaupt kann, zu experimentieren in Feldern, die kein Künstler vor ihm betreten hatte, Teile des Bildes auch einfach unvollendet zu lassen und damit die Leere und Unsagbares zu thematisieren, flüchtige Elemente wie Licht, Rauch oder Wolken in Farbe zu bannen – und es uns heiß und kalt über den Rücken laufen zu lassen. Eine synästhetische Sinnenkunst par excellence.

          Federtier in Agfacolor: Menzels Papagei des Berliner Zoos aus dem „Kinderalbum“, um 1883

          So erklärt sich auch der etwas seltsam klingende Ausstellungstitel „Maler auf Papier“. Denn warum sollten Künstler nicht mit den geeigneten Techniken auf Papier malen? Es gibt allerdings eine Trennlinie zwischen tendenziell eher farbarmer Grafik auf Papier und bunter Malerei auf Leinwand, spätestens seit der Kunsthistoriker Heinrich Wölfflin Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Trennung zwischen einem „zeichnerischen“ und „malerischen“ Ansatz zementiert hat. Und natürlich wird Menzel mit seinen Tausenden von Zeichnungen, den über hundert Skizzenbüchern und seiner Folianten füllenden Grafik über Friedrich den Großen zu Recht für seine Linienkunst gerühmt. Dass man fortan aber sagen kann: „Dieser Künstler ist ein Maler selbst in seinen mit dem groben Zimmermannsbleistift hingeworfenen Zeichnungen, und er reißt auch sonst alle künstlichen Grenzen zwischen den drei im Fokus stehenden Techniken Pastell, Aquarell und verschiedenen Mischverfahren ein“ – das ist das große Verdienst dieser Schau.

          Erstmals ausgestellt: Drei Neuerwerbungen

          Dabei werden neben den über hundert ausgestellten Meisterwerken drei Neuerwerbungen respektive Rückgewinnungen besonders ins Rampenlicht gestellt, indem sie auf farblich vom Restraum unterschiedene Hintergründe gehängt sind: Menzels Pastell der „Schlittschuhläufer“ von 1855, die Aquarell-Gouache des „Oberregierungsrates Knerk“ von 1863 sowie die Mischtechnik der „Dame im Coupé“ von 1859, das über siebzig Jahre vermisste Pendant zum berühmten gähnenden „Herrn im Bahnabteil“, das sich 1945 ebenso wie seine zum Teil fragil-pudrige Kreidetechnik aus dem Tieftresor der Berliner Reichsbank verflüchtigt hatte.

          Nichts als Bleistift und Aquarell, und doch werden die schwarzen Linien zum Schatten und die Wasserfarben zu einer Wunde im Stamm: Menzels  "Umgestürzter Baum mit Ästen und Laub" von 1843

          Das erste von zehn Kapiteln setzt mit der nur scheinbar naiven Frage ein, womit Menzel eigentlich malte. Hier ist die berühmte „Hand des Künstlers mit Farbnapf“ von 1864 zu sehen, wo Menzel auf rabenschwarz mit Tusche getöntem Papier dasjenige Requisit vorzeigt, in welchem er den alchemistischen Grundstoff seiner Farbhexereien wie Leonardo mit dem Daumen verrieben hat. Wie virtuos er von Beginn an das Weiß der Aquarellpapiere für die Bildwirkung einbezieht, zeigt sein sich am Boden wie in Schmerzen windender „Umgestürzter Baum mit Ästen und Laub“ von 1843, den er wohl im Alter von gerade einmal 28 Jahren geschaffen hat. Nicht nur wirkt der von wenigen Steinen bedeckte weiße Untergrund wie beschneit; auch das wie eine frische Wunde klaffende Weiß im Baumstamm ist nichts anderes als die Papierfarbe, die das Betrachterauge in die Tiefe zieht. Bei den „Marburger Bauern auf der Lahnbrücke“ von 1848 geht er noch ein Stück weiter, indem er die Wolken über den drei in Tracht herausgeputzten Marktgängern nur durch Aussparung im Himmelblau erzeugt – der Wolkenmarmor quillt dennoch plastisch auf uns zu. Denn wie Menzel in einem Brief an seinen Freund, den Kasseler Tapetenfabrikanten Carl Arnold, weiß: „Flüssige Farbe eignet sich für alles, was mit Luft zusammenhängt.“

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