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So verknüpft das Nationalmuseum Baselitz mit Ritter Sport. Bild: The Trustees of the British Muse

Wie Dänemark Deutschland sieht : Wessen Erinnerungen sind das eigentlich?

Dänemark und Deutschland, das ist eine intensive und oft genug komplizierte Beziehung: Jetzt widmet das Nationalmuseum in Kopenhagen „Tyskland“ eine große Ausstellung, die allerdings wesentliche Fragen außer Acht lässt.

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          Am Anfang ist da die Mauer. Ein kleines Stück nur, „Down“ steht darauf gesprüht, und auf einem Fernseher laufen Bilder vom Mauerfall in Dauerschleife. Dann ein VW Käfer in Graublau, dazu ein abstürzender schwarzer Adler vor schwarz-rot-goldenem Hintergrund von Georg Baselitz an der Wand. Und schon ist man mittendrin in der Ausstellung: „Tyskland“, Deutschland, im Nationalmuseum in Kopenhagen. Sie soll die Frage klären, was Deutschland eigentlich ist.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Dänemark und Deutschland, das ist lange schon eine intensive und oft recht komplizierte Beziehung: verbunden, gemischt, getrennt. 2020 jährt sich zum hundertsten Mal die Volksabstimmung, mit der die Grenze zwischen den Ländern festgelegt wurde, Schleswig in Süd und Nord getrennt, und so ist nun ein kulturelles Freundschaftsjahr eröffnet worden, die Ausstellung ist Teil davon. Ein großes Ereignis, Königin Margrethe II. hat sie eröffnet. Und doch hält sich der dänische Beitrag in Grenzen. Der Grund ist banal: Die Ausstellung ist eine Adaption der „Deutschland“-Ausstellung im British Museum, entstanden unter der Leitung von Neil MacGregor. Nur ein paar Exponate mussten getauscht werden, die nicht nach Kopenhagen durften. Als die Ausstellung 2014 in London eröffnet wurde, lud sie ein, Rückschlüsse zu ziehen auf den Stand der deutsch-britischen Beziehung. Denn die Fragen, die eine Ausstellung leiten, erzählen immer auch was über den, der sie stellt. Als die Ausstellung dann im Berliner Gropius-Bau zu sehen war, erhielt sie den Titelzusatz: „Der britische Blick“. In Kopenhagen führt das nicht weiter.

          Eine Nation und ihr Selbstverständnis

          Was bleibt, ist eine interessante Ausstellung, die von einer tiefen Kenntnis über Deutschland zeugt. Der Originaltitel „Erinnerungen einer Nation“ beschreibt ganz gut, was hier passiert: Nicht chronologisch, sondern in thematischen Blöcken sind in den Vitrinen die Puzzleteile versammelt, die, richtig zusammengesetzt, ein stimmiges Bild von diesem Land ergeben. Kein biederer Geschichtsgrundkurs, sondern eine Mentalitätskunde. Denn zentral sind die Erinnerungen, aus denen sich eine Nation und ihr Selbstverständnis formen, auf die zurückgegriffen wird, wenn erklärt werden soll, wer wir sind und warum. Der VW Käfer und das Wirtschaftswunder, der Mauerfall und das Wunder der Wiedervereinigung. Natürlich sind Erinnerungen aber keine unumstößliche Größe, sie werden umgedeutet, verdrängt, vergessen oder wiederentdeckt, das macht so ein Ausstellungskonzept anfällig. Und ebenso natürlich lässt sich die Frage stellen, wessen Erinnerungen das hier eigentlich sind, wenn auch deutsche Besucher über das ein oder andere Exponat und die Geschichte dazu überrascht sein werden. Aber es ist doch eine Leistung der Ausstellung, den Blick auf Deutschland zu weiten. Egal wo sie zu sehen ist und wer sie besucht.

          Das Bild, das hier zusammengesetzt wird, ist also ein differenziertes. Gleich am Anfang wird klar, dass dieses eine Deutschland lange mehr eine Idee als ein Staat war. Dass es viele unterschiedliche Deutschlands gegeben hat. Zahlreiche Münzen sind zu sehen als Nachweis für die Kleinstaaterei, alte Karten, die versucht haben zu erfassen, wo Deutschland liegt. Das ist nicht immer leicht zu verstehen für andere Länder, deren Gebiet im Kern geographisch klar definiert ist. „Schwimmende Grenzen“ heißt dieser Block, und man fragt sich in Kopenhagen schon an dieser Stelle, warum die lange schwimmende Grenze in Norddeutschland zum dänischen Königreich nicht einmal erwähnt wird. Ein paar Exponate aus dänischen Museen sind zu finden, ansonsten könnte die Ausstellung so auch überall anders auf der Welt stattfinden.

          Ein Stück Berliner Mauer ziert den Beginn der Ausstellung. Bilderstrecke

          Es folgt die Zeit des Heiligen Römisches Reichs und vor allem danach, die Suche nach einer Idee, was dieses Deutschland sein könnte, politisch und kulturell. Das reicht von der Sprache der Macht über die Sprache des Glaubens bis zu deutschen Märchen und Sagen. Von einer schwarz-rot-goldenen Fahne aus der Zeit der deutschen Revolution von 1848/49 über Grimms Märchen bis zu „Das Kapital“. Die Gegenstände sollen die Geschichte mit sich tragen, aber nicht alles lässt sich so erfassen, und manchmal wirkt es beliebig: Ein Nussknacker in der Form von Bismarcks Kopf soll an seine Leistungen erinnern, an seine Beliebtheit. Es geht in der Schau um den Handel, um Erfindungen und „Made in Germany“, von der Porzellan-Kunst über Goethes Farbenlehre bis zum Bauhaus. Und es geht auch um die dunkelste Stunde.

          Von den deutschen Verbrechen zur Wiedervereinigung

          „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ wird Paul Celan an der Wand zitiert, eine Replik des Eingangstores des Konzentrationslagers Buchenwald steht da mit seiner Inschrift „Jedem das Seine“. Das Tor stelle eine unbeantwortbare Frage an Deutschland und die Welt, heißt es im Begleittext. Es gebe keine Erzählung, die das erfassen könne. „Der Nazi-Terror ist die zentrale, unausweichliche Erinnerung des modernen Deutschland.“ Da der Platz nicht üppig ist in der Ausstellung, sind es aber nur wenige Schritte vom deutschen Verbrechen bis zur Wiedervereinigung. Welche Erinnerungen wie das Selbstbild prägen, wird immer in der Gegenwart ausgehandelt. Mit welcher Unerbittlichkeit das zum Teil in Deutschland gerade wieder geschieht, vom „Vogelschiss“-Eklat bis zu der Diskussion zwischen Ost und West, welches Land genau nach der Wiedervereinigung entstanden ist, kann die Ausstellung nicht zeigen.

          Für die Dänen aber gibt es viel zu entdecken, das weit über die drei dänischen Standards mit Blick auf Deutschland hinausgeht: die Niederlage 1864 gegen Preußen, die Besatzung der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg, der Sieg 1992 im Finale der Fußball-Europameisterschaft. Die Ausstellung finde viel Zuspruch, sagt Mikkel Venborg Pedersen vom Nationalmuseum, wie er überhaupt ein steigendes Interesse an Deutschland wahrnimmt. Tatsache ist aber auch, dass seit Jahren immer weniger Dänen Deutsch lernen.

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