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Senga Nengudi im Lenbachhaus : Triumph der elastischen Frau

  • -Aktualisiert am

Tanz mit Tentakeln: Senga Nengudis „Performance Piece“ aus dem Jahr 1977. Bild: Senga Nengudi 2019

Renaissance des Nylons: Mit ungewöhnlichen Materialien widersetzte sich die schwarze Künstlerin Senga Nengudi der White Supremacy. Das Münchner Lenbachhaus holt die Avantgardistin wieder in den Fokus.

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          Eigentlich hat man sich spätestens seit den Nylon-Welten eines Ernesto Neto an übermäßig langgestreckten Strumpfhosen sattgesehen. Dass die Schwerkraft des Polyamids lange vor allem von Künstlerinnen geschätzt wurde, könnte man angesichts der esoterisch angehauchten Tropfen-Strukturen des Brasilianers beinahe aus den Augen verlieren.

          Dabei erlebt das sexuell aufgeladene Material bis heute mit jeder Welle eines neu aufflackernden Feminismus ein Revival in der Kunst. Man denke nur an Sarah Lucas, die in den Neunzigern mit Strumpfhosen-Beton-Skulpturen dem geltenden Perfektionsdiktat eine groteske B-Seite entgegensetzte. Oder Alexandra Bircken. Für ihre „Skin“-Serie collagierte sie 2016 Myriaden von Nylon-Fetzen, um sie kopflosen Schaufensterpuppen anzuziehen. Feinstrumpfware als Ausdruck einer masochistischen Lust an Normerfüllung?

          Nicht so für die 1943 in Chicago geborene Senga Nengudi, der das Münchner Lenbachhaus eine fünfzig Jahre Schaffen umfassende Einzelschau mit dem Titel „Topologien“ ausrichtet. Die in Kalifornien lebende Afroamerikanerin, Absolventin der California State University in den Fächern Kunst und Tanz, bemächtigte sich nach ihrer ersten Schwangerschaft bereits 1974 der Pin-up-Uniform, um sie gegen den Strich zu bürsten.

          Wie eine Beute im Spinnennetz

          Wenn schon ihr Körper eine Metamorphose durchmachte, dann konnte auch ihre Kunst eine Erweiterung gut vertragen: von Bildhauerei über Textil bis hin zur Performance. Weswegen man ihren Nylonhosen im getragenen und gedehnten Zustand begegnet. Mal werfen sie ihre spindeldürren Fühler von einem Wandhaken aus in den Raum hinein, mal formen sie sich, mit Sand gefüllt, zu in die Tiefe strebenden Brüsten. Oder sind es doch Hoden?

          Eine Begeisterung fürs Zeremonielle weckte bei Senga Nengudi die traditionelle japanische Bühnenkunst.
          Eine Begeisterung fürs Zeremonielle weckte bei Senga Nengudi die traditionelle japanische Bühnenkunst. : Bild: Senga Nengudi 2019

          Titel wie „R.S.V.P.“ kennt man zwar von Einladungskarten. Aber ist eine Antwort tatsächlich erwünscht? Sollte man etwa auf eine der elastischen Botschaften mit einem beherzten Griff nach dem Kunstobjekt reagieren? Und gilt das auch für die mit buntgefärbtem Wasser gefüllten Plastikbeutel, ihrer Funktion beraubte Gummireifen oder zeitgeschichtlich aufgeladene Leseräume aus Zeitungsresten?

          Schwarzweißfotografien und Videoaufnahmen dokumentieren jedenfalls nur Performances, in denen eine Tänzerin beim Aktivieren der Spinnennetze zu sehen ist, hängend in Installationen, wie eine Beute, die sich an die Spielregeln hält, in der Hoffnung, nicht weiter aufzufallen. Dank ihrer ausgeprägten Gelenkigkeit verwandelt sie die hoffnungslose Situation doch noch in einen Triumph. Sie tanzt mit den Tentakeln ein verspieltes Pas de deux – an dessen Ende der Nylonstoff so schlaff ist, dass die ursprüngliche Skulptur buchstäblich ihr Leben aushaucht.

          Neue Ausdrucksmittel für alte Konflikte

          Nengudis Rolle in der schwarzen Kunstszene ließ sich nicht so schnell in einen Sieg umkehren. Sie war ihrer Zeit zu weit voraus. Die Strategie, dem Establishment, das seine Türen für Nichtweiße fest verschlossen hielt, mit der Verwendung ungewöhnlicher Materialien zu begegnen, griffen nur wenige auf. Zu tief saßen die Verletzungen. Im Jahr 1965 erlebte sie die Watts-Unruhen in Los Angeles mit. Eine Polizeikontrolle in dem mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnten Viertel löste einen Gewaltexzess aus, in dem sich die Wut über fehlende Jobs, miserable Bildung und die Schikanen rassistischer Polizeibeamter entlud.

          Die bürgerkriegsähnliche Eruption politisierte schon vor der Ermordung Martin Luther Kings nachhaltig ihr Umfeld. Nicht wenige Amerikaner radikalisierten sich im Black Arts Movement. In das Jahr 1966 fiel dann sowohl das Auftauchen des Begriffs „Black Power“ als auch die Gründung der Black-Panther-Partei. Die Emanzipation der afroamerikanischen Frau musste erst mal hintanstehen. Vielleicht zog es Nengudi deshalb nach Tokio, wo sie im Rahmen eines Graduiertenprogramms ein Jahr lang Japanologie studierte.

          Die Entdeckung der traditionellen japanischen Theaterformen Nô und Kabuki, die den Tanz als festen Bestandteil integrieren, weitete ihren Horizont. Die Bedeutung des Rituals faszinierte sie, die Künstlergruppe Gutai und auch der minimalistische Baustil. „Ich war begeistert, auf wie viele unterschiedliche Arten Papier in Japan verwendet wird“, so Nengudi in dem Katalog-Interview. „Meine Werke sind ja recht vergänglich. Es ist also möglich, dass Papier 200 oder 300 Jahre lang hält? Wie ermutigend!“

          Es ist kaum verwunderlich, dass sie diese starken Einflüsse nach ihrer Rückkehr nicht einfach ausblenden konnte. Statt auf den Polit-Zug aufzuspringen, suchte sie nach neuen Ausdrucksmitteln. Selbstbezüglicher Luxus in den Augen all jener, die dem „System“ den Kampf ansagten. Ihre postminimalistischen Plastik-Skulpturen ernteten jedoch selbst in New York ein vernichtendes Urteil – nicht einmal ein Rückgriff auf afrikanische Wurzeln sei darin zu erkennen. Es wurde nicht verstanden, warum sie sich mehr für Formfragen als die politische Wetterlage interessierte, auf die man doch wohl nur mit „schwarzer Kunst“ reagieren könne.

          In Venedig fliegt das Nylon

          Später in Los Angeles gab sie dem Druck irgendwann nach, allerdings auf ihre Weise nach. Sie benutzte gleich mehrere Pseudonyme: Für das Schreiben nahm sie den Namen Lily B. Moor an, für die Fotografie Propecia Leigh. Nur für ihre Skulpturen wechselte sie von dem Geburtsnamen Sue Irons zu dem afrikanisch klingenden Senga Nengudi. Eine Identität von vielen, auf die sie aber nicht reduziert werden wollte.

          Was sie nicht daran hinderte, der afroamerikanischen Künstlergruppe Studio Z beizutreten, in der auch ihr Atelierkollege David Hammons Mitglied war. Für die Performance „Ceremony for Freeway Fets“ von 1978 scharte sie unter einer Autobahnbrücke ihre Nylonskulpturen um sich, performte ein Jazz-Konzert und verpasste den Musikern einen surrealen Nylon-Look, der seinen Reiz gerade nicht aus einer männlich konnotierten Coolness bezog.

          Erst heute können die nachgewachsenen Generationen diese waghalsigen Schritte schätzen. Nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern zuletzt auch auf der Venedig-Biennale von 2017, wo ihre Strumpfhosen von dem Luftstrom eines Ventilators in Bewegung versetzt wurden und den Fetischen einer extraterrestrischen Zivilisation ähnelten. Es wurde Zeit, dass Nengudi endlich ihren wohlverdienten Platz einnimmt, mit einer Kunst, wie sie sagt, „wie ein Schmetterling, der sich, während man im Garten oder an der Bushaltestelle sitzt, auf dem Knie niederlässt. Ein flüchtiger Moment, den man jedoch nicht vergisst. Eine Erinnerung, die zurückkommt, sobald man ihrer bedarf.“

          Senga Nengudi. Topologien. Im Lenbachhaus, München; bis zum 19. Januar 2020. Der Katalog im Hirmer Verlag kostet 39,90 Euro.

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