https://www.faz.net/-gqz-9sluy

Senga Nengudi im Lenbachhaus : Triumph der elastischen Frau

  • -Aktualisiert am

Die bürgerkriegsähnliche Eruption politisierte schon vor der Ermordung Martin Luther Kings nachhaltig ihr Umfeld. Nicht wenige Amerikaner radikalisierten sich im Black Arts Movement. In das Jahr 1966 fiel dann sowohl das Auftauchen des Begriffs „Black Power“ als auch die Gründung der Black-Panther-Partei. Die Emanzipation der afroamerikanischen Frau musste erst mal hintanstehen. Vielleicht zog es Nengudi deshalb nach Tokio, wo sie im Rahmen eines Graduiertenprogramms ein Jahr lang Japanologie studierte.

Die Entdeckung der traditionellen japanischen Theaterformen Nô und Kabuki, die den Tanz als festen Bestandteil integrieren, weitete ihren Horizont. Die Bedeutung des Rituals faszinierte sie, die Künstlergruppe Gutai und auch der minimalistische Baustil. „Ich war begeistert, auf wie viele unterschiedliche Arten Papier in Japan verwendet wird“, so Nengudi in dem Katalog-Interview. „Meine Werke sind ja recht vergänglich. Es ist also möglich, dass Papier 200 oder 300 Jahre lang hält? Wie ermutigend!“

Es ist kaum verwunderlich, dass sie diese starken Einflüsse nach ihrer Rückkehr nicht einfach ausblenden konnte. Statt auf den Polit-Zug aufzuspringen, suchte sie nach neuen Ausdrucksmitteln. Selbstbezüglicher Luxus in den Augen all jener, die dem „System“ den Kampf ansagten. Ihre postminimalistischen Plastik-Skulpturen ernteten jedoch selbst in New York ein vernichtendes Urteil – nicht einmal ein Rückgriff auf afrikanische Wurzeln sei darin zu erkennen. Es wurde nicht verstanden, warum sie sich mehr für Formfragen als die politische Wetterlage interessierte, auf die man doch wohl nur mit „schwarzer Kunst“ reagieren könne.

In Venedig fliegt das Nylon

Später in Los Angeles gab sie dem Druck irgendwann nach, allerdings auf ihre Weise nach. Sie benutzte gleich mehrere Pseudonyme: Für das Schreiben nahm sie den Namen Lily B. Moor an, für die Fotografie Propecia Leigh. Nur für ihre Skulpturen wechselte sie von dem Geburtsnamen Sue Irons zu dem afrikanisch klingenden Senga Nengudi. Eine Identität von vielen, auf die sie aber nicht reduziert werden wollte.

Was sie nicht daran hinderte, der afroamerikanischen Künstlergruppe Studio Z beizutreten, in der auch ihr Atelierkollege David Hammons Mitglied war. Für die Performance „Ceremony for Freeway Fets“ von 1978 scharte sie unter einer Autobahnbrücke ihre Nylonskulpturen um sich, performte ein Jazz-Konzert und verpasste den Musikern einen surrealen Nylon-Look, der seinen Reiz gerade nicht aus einer männlich konnotierten Coolness bezog.

Erst heute können die nachgewachsenen Generationen diese waghalsigen Schritte schätzen. Nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern zuletzt auch auf der Venedig-Biennale von 2017, wo ihre Strumpfhosen von dem Luftstrom eines Ventilators in Bewegung versetzt wurden und den Fetischen einer extraterrestrischen Zivilisation ähnelten. Es wurde Zeit, dass Nengudi endlich ihren wohlverdienten Platz einnimmt, mit einer Kunst, wie sie sagt, „wie ein Schmetterling, der sich, während man im Garten oder an der Bushaltestelle sitzt, auf dem Knie niederlässt. Ein flüchtiger Moment, den man jedoch nicht vergisst. Eine Erinnerung, die zurückkommt, sobald man ihrer bedarf.“

Senga Nengudi. Topologien. Im Lenbachhaus, München; bis zum 19. Januar 2020. Der Katalog im Hirmer Verlag kostet 39,90 Euro.

Weitere Themen

Wer cool ist, braucht NFTs – oder?

Hype um Kryptokunst : Wer cool ist, braucht NFTs – oder?

Edward Snowden, Grimes, die „CryptoPunks“: Am Markt für Blockchain-Kunst geht es um Sehen und Gesehenwerden – und sehr viel Geld. Sotheby’s startet mit „kuratierten“ NFTs eine Qualitätsoffensive.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.