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Ausstellung „Tierschau“ in Köln : Spielende Tiger und malende Affen

  • -Aktualisiert am

Ob van Gogh, Spitzweg, Delacroix oder Géricault - alle haben sie Tiere gemalt. Nur selten sind diese Werke zu sehen, und noch seltener versammelt. Die „Tierschau“ in Köln ist für Überraschungen gut.

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          Das vielleicht rätselhafteste Bild hängt, wenn der Besucher die beiden ersten Ausstellungsräume durchschritten hat, in der Abteilung mit den Affen. Es ist klein, auf den ersten Blick unauffällig. Ein abstraktes Gemälde, das aussieht, als seien bei dem Versuch, ein großes „Ü“ auf rotem Grund zu malen, versehentlich die Tüpfelchen ins Buchstabeninnere gefallen. „Fächerform mit blauem Fleck, 1956-58“ lautet der Titel. Der Künstler: Congo.

          Die Vorgeschichte dieses Skandals erzählt die schöne und ungewöhnliche Ausstellung „Tierschau. Wie unser Bild vom Tier entstand“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum. Denn Congo, der 1964 in England verstorbene Schimpanse, tat, was bis heute die Gemüter nicht zur Ruhe kommen lässt: Er malte. Und zwar abstrakt. Seinen letzten Erfolg feierte er postum bei einer Versteigerung im Londoner Auktionshaus Bonhams, wo Congos Gouachen höhere Preise erzielten als Werke von Andy Warhol oder den Gebrüdern Chapman. Umgerechnet zwanzigtausend Euro zahlte ein kalifornischer Telekommunikationsfachmann für die Originale von Affenhand. Siebzigtausend wäre er zu zahlen bereit gewesen, sagte er später. So oder so: ein Rekordpreis.

          Tiere gemalt haben alle - nur zu sehen ist es selten

          Unter den knapp hundertfünfzig Ausstellungsstücken ist Congos Gemälde zunächst die Ausnahme. Es ist das einzige Bild, das kein Tier zeigt, und das einzige, das ein Tier gemacht hat. Die menschengemachten Tierbilder sind dagegen alle gegenständlich, und berühmte Namen lassen sich unter den ausgestellten Künstlern finden: Vincent van Gogh, Franz Marc, Eugène Delacroix oder Théodore Géricault. Daneben hängt Schrilles, wie Gabriel von Max' „Affen als Kunstrichter“, eines der populärsten Bilder des neunzehnten Jahrhunderts, in der dreizehn Affen als Kritiker posieren und in dieser Menschenrolle die ganze Scheußlichkeit ihres Affendaseins zur Schau stellen: das Fratzengesicht, die hellrosa durch den Pelz schimmernde Brustwarze, die dicke herausgestreckte Tierzunge.

          In den nach Tierarten gegliederten Ausstellungssälen wird man zudem wissenschaftliche Zeichnungen, Modelle und Plastiken finden. „Die Schwierigkeit steckte im Zwang, sich beschränken zu müssen“, so Museumsdirektor Andreas Blühm. Tiere gemalt haben alle - nur wird es selten ausgestellt.

          Als auf einmal alle des Königs Löwen sehen wollten

          Zuvor gastierte die Ausstellung in Pittsburgh und dem Amsterdamer Van Gogh Museum, das Wallraf-Richartz-Direktor Blühm bis 2005 leitete. In Köln ist die Tierschau weniger umfangreich, dafür gibt es ein Begleitprogramm für Kinder. Die konzentrierte Form stellt die Entwicklung der Tiermalerei umso deutlicher dar: Was zunimmt in der Geschichte, ist, was den Tieren zugetraut wird; mit Charles Darwins Evolutionstheorie öffnet sich 1859 das Feld endgültig.

          Der abgesteckte Zeitrahmen setzt im sechzehnten Jahrhundert an, dem Anfang der Kolonialära also, als mit der Entdeckung Südamerikas der weltumspannende Handel begann. Papageien, Affen, Pinguine, Krokodile - sie alle trafen bald lebend in Europa ein. Einen Höhepunkt erreichte die Begeisterung für Tierexotika mit den Löwen und Tigern in Paris, die nach 1789 nun jedermann anschauen konnte: Die Revolution hatte die königliche Menagerie zum öffentlichen Zoo erklärt.

          Damit hatte niemand gerechnet - Delacroix hat es gemalt

          Mit Pinsel und Staffelei postierte sich auch Eugène Delacroix 1830 - im gleichen Jahr entstand sein Monumentalbild „Die Freiheit führt das Volk“ - vor den Raubtiergehegen. Gemalt hat er eine der zärtlichsten Ansichten, das kleine Ölbild „Spielender Tiger“. Die Tatzen in die Luft gestreckt, rollt sich das feuerfarbene Tier auf dem Käfigboden, die Augen geschlossen, die Krallen eingezogen. So hatte noch niemand den Tiger gezeigt.

          Es ist eine Frage, um die alle Ausstellungsstücke kreisen, der Versuch, die Nähe oder Entfernung von Mensch und Tier zu bestimmen. Ein Tier mag über Jahrhunderte immer wieder in derselben Weise gezeigt werden, der Tiger etwa immer kämpfend. Plötzlich aber tut er etwas, womit niemand gerechnet hätte - und im Glücksfall ist einer dabei und hält es fest. Delacroix sieht den spielenden Tiger. Congo malt ein Bild.

          „Um ihn malen zu können, musste ich ihn töten“

          Congo wurde die widerspenstige Uneindeutigkeit seines Malakts bis heute nicht verziehen. Kunstkenner bezichtigten ihn des Rufmords an der Moderne; Intellektuelle fanden, das Getue darum würde Tiere auf unerträgliche Weise vermenschlichen, und Verhaltensforscher trieb zur Verzweiflung, dass Congo nichts Eindeutigeres tat, etwas, das die Mensch-Tier-Verbindung endlich klären würde: zum Beispiel einen Kopffüßler zeichnen oder einen Satz sprechen. Der Schimpanse verhielt sich aber so wie fast alle Tiere. Er tat eine ungewöhnliche Sache - und beließ es dabei.

          In dem Willen, die Uneindeutigkeit der Tiere aufzuheben, in ihre „Black Box“ einzubrechen, wurde in der Geschichte vor wenig zurückgeschreckt: sezierte Frösche, die Leber eines Löwen, ausgestopfte Affen aus Sammlungen - auch das zeigt die Ausstellung. Ein Tier erschlagen zu haben, um es zu malen, bedauerte Vincent van Gogh, der aus der Heilanstalt in Saint-Rémy 1889 an seinen Bruder Theo zu seinem grünschummrigen Nachtfaltergemälde schrieb: „Um ihn malen zu können, musste ich ihn töten, und das war schade bei so einem schönen Tier.“

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