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Ausstellung zu Porzellan : Der zähe Jack Bull in Feinkeramik

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Diese Porzellanbulldogge der Geheimdienstchefin M fand nicht nur James Bond fragwürdig. Nun ist sie bis zum 26. Januar 2020 im Porzellanikon zu bestaunen. Bild: Porzellanikum

Im Selber Porzellanikon werden von James Bond bis Benedict Cumberbatch alle Filmstars mit der dazugehörigen ikonischen Keramik versammelt. Das könnte den Umgang der Besucher mit Porzellan dauerhaft verändern.

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          Vom Kreißsaal bis zum Krematorium umgeben uns die Produkte der feinkeramischen Industrie. Aus dieser stummen Omnipräsenz lassen sich hermeneutische Funken schlagen. In einer vielzitierten Passage widerlegt der Philosoph Slavoj Žižek den Trugschluss des Funktionalismus: Gerade die scheinbar neutralen Objekte, die noch unsere beiläufigsten Verrichtungen prägen, sind ideologiekritisch lesbar. So erkennt Žižek in der Bauweise französischer, englischer und deutscher Toiletten den Ausdruck nationaler Denkschulen.

          Ein privilegierter Ort, um solche Diskurse zu führen, ist das Porzellanikon, das Staatliche Museum für Porzellan in Selb und Hohenberg. Hier wird alles gesammelt, was die Branche im deutschsprachigen Raum hervorgebracht hat. Statt den „Gänsemarsch der Stile“ zu vermitteln, lehrt das Museum den kulturhistorischen Blick auf die Herstellung und den Gebrauch von Porzellanartikeln.

          Warum und wie wird Porzellan jeweils als Requisit benutzt?

          Seit jeher beweisen die Künste Sensibilität für die in der gestalteten Umwelt subkutan angelegten Bedeutungsdimensionen. Im Stillleben wie im Roman fungieren Gegenstände aus Porzellan als vielschichtige Requisiten. Sie tragen dazu bei, Personen zu charakterisieren, Milieus zu schildern oder die Handlung voranzutreiben. Unvergessen ist das Diner beim Fürsten Salina am Anfang von Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Il Gattopardo“: Gerade die über Jahrhunderte angesammelte, inhomogene Vielfalt der Geschirre steht für die Würde des Adelshauses und unterstreicht die kategoriale Differenz zum Bürgertum.

          Die letzte Ausstellung, die das Porzellanikon unter dem scheidenden Gründungsdirektor Wilhelm Siemen zeigt, trägt den treffenden Titel „Stille Stars. Keramik in Film und Werbung“. Die Ausgangsfrage ist einfach: Warum und wie wird Porzellan jeweils als Requisit benutzt? Die methodische Umsetzung ist komplexer: Offenbart sich eine Metaebene, die im Sinne Žižeks die Analyse lohnt, oder verstärken die Requisiten nur, was der Film ohnehin sagt?

          Sonderausstellung im Porzellanikon: Wenn die Requisiten zu Stars werden.

          Hervorgegangen ist die Ausstellung aus einem von Désirée Neeb bearbeiteten Modul des EU-Projekts „Ceramics and its Dimensions“. Zusammen mit der Staffordshire University und dem Rigaer Porzellanmuseum untersuchte sie exemplarische Spielfilme und Werbespots. Neben hermeneutischen Verfahren kamen dabei auch quantitative Methoden zum Tagen. Am Ende stand gleichwohl die Frage: Wie präsentiert man in einem Porzellanmuseum Film, ohne das Haptische gegen das Audiovisuelle auszuspielen?

          Der einstige Traditionshersteller produziert heute in Thailand

          Ein Leitobjekt ist die Bulldogge Jack des englischen Herstellers Royal Doulton. Die mit dem Union Jack bekleidete Hundefigur steht seit den vierziger Jahren für britische Zähigkeit. In „Skyfall“, dem 23. „James Bond“-Film, ziert sie den Schreibtisch der Geheimdienstchefin „M“ und überlebt – stark beschädigt – einen Bombenanschlag auf das Hauptquartier des MI6. Als „M“ in Bonds Armen stirbt, erbt dieser das Tier. Neben ihrer patriotischen Aussage bekommt die Figur so eine Beziehungsdimension. In „Spectre“, dem darauffolgenden Film der Reihe, taucht sie abermals auf, sichtbar gezeichnet vom Geschehen des vorangegangenen Films.

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