https://www.faz.net/-gqz-7qnld

Ausstellung „Smart New World“ : Die Kunst befreit uns vom Daten-Terror

  • -Aktualisiert am

Der Download der Zukunft geht weiter: Die Düsseldorfer Kunsthalle zeigt uns, wie die „Smart New World“ aussieht. Und macht uns Mut, ihr zu entkommen.

          Die Ausstellung „Smart New World“ in der Düsseldorfer Kunsthalle ist eine Hommage an die zeitgenössische Kunst als Ganzes. Sie will das eigentlich gar nicht sein, sondern eine Bestandsaufnahme zu den ästhetischen Folgen der digitalen Revolution. Aber dieser Stoff zwingt sie dazu, das ganze Spektrum an Eingriffen ins Geschehen aufzufahren, das die Kunst heute kennt – visuell, formal und inhaltlich. Während der Bienenstock Kunstmarkt im Preisrausch summt, graben die in Düsseldorf versammelten Leute Tunnel in die Fundamente des Informationszeitalters – intelligent, besessen, klug. Angesichts dieser Schau verstummen Einordnungs-Ansa-gen wie Medienkunst–Netzkunst–Sonstwiekunst. Auch „politische Kunst“, die als Inszenierung globaler Sorgenbrennpunkte zuletzt zum neuen Mainstream für kultivierte Bedenkenträger erklärt worden ist, findet man in der „Smart New World“ eher mittelbar – es geht nicht ums Anprangern, denn für das, was hier versucht wird, fehlen einstweilen noch die Parolen.

          Wie sieht also diese „neue Welt“ der klugen Taschentelefone, Wischfinger und Zap-Blicke in der Kunst aus? Wer ist hier wie und warum intelligent? Die Ausstellung zeigt uns zunächst, was wir wissen sollten, bevor wir urteilen können – nämlich wie sich die Sammler nicht etwa der Gemälde und Skulpturen, sondern der Daten unserer Privatsphäre bemächtigen, wie sie absaugen, was sie in die Leitungen kriegen – aber auch welche Möglichkeiten der gemeine Nutzer hat, Selbstermächtigung zumindest zu proben.

          Intellektuell überlegen

          Gleich zu Beginn steht eine einfache Übung an, der sich alle Besucher unterziehen müssen. Ein Formular wird ausgefüllt, man kennt das aus dem Internet: „Registrieren Sie sich“, heißt es dort, wenn man dazugehören will. Doch in Düsseldorf ist ein weiterer Schritt gefordert: Man tritt alle Rechte am eigenen Namen ab. Wer dies verweigert, muss draußenbleiben. Die Künstlergruppe INS (International Necronautical Society) hält die Forderung nach individueller Freiheit im Netz für eine Farce – man solle die eigene „Nichtauthentizität“ akzeptieren, erst dann könne man etwas bewegen. INS wirbt mit dem lateinischen Satz „cras ingens iterabimus aequor“ – „Morgen trägt uns aufs Neue das Weltmeer“ von Horaz.

          Das Weltmeer, das man in Düsseldorf betritt, ist der Daten-Ozean, in dem greifbare Veränderungen reifen, bis sie an die Benutzeroberfläche dringen. Der Besucher steckt mittendrin: Geheimdienste wollen geheim bleiben, aber der amerikanische Künstler Trevor Paglen dreht die Perspektive und spioniert den Geheimdienst aus – und zwar mit künstlerischen Mitteln. Er fotografierte Satelliten mit Präzisionsobjektiven oder Drohnen auf ihrem Weg zum Töten. In Düsseldorf ist seine jüngste Serie mit Nachtaufnahmen von Quartieren der amerikanischen NRO (National Reconnaissance Office), NGA (National Geospatial-Intelligence Agency) und NSA (National Security Agency) zu sehen – die staatliche Seite des Doppelgesichts „Big Data“. Die Riesenbauten, wie sie weit unten idyllisch im Land liegen, verändern den Blick auf das Verhältnis von Staat und Bürgern. Paglen stellt seine Bilder zum freien Download ins Netz, ruft zur Verbreitung auf. Ein auratisches Werk fürs Museum ist hier Fehlanzeige.

          Weitere Themen

          Niemals geht man so ganz Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Avengers: Endgame“ : Niemals geht man so ganz

          Nach 11 Jahren und 22 Filmen findet das Marvel Cinematic Universe vorerst sein Ende. In „Avengers: Endgame“ gibt sich die Superhelden-Riege ein letztes Mal die Klinke in die Hand. Dietmar Dath hat den Film bereits gesehen.

          Topmeldungen

          Gibt es eine „verlorenen Mitte“? Rechtspopulistische und antidemokratische Einstellungen sind in der deutschen Bevölkerung einer aktuellen Studie zufolge
weiter tief verwurzelt.

          Studie zu Vorbehalten gegen Asylanten : Wo der Daumen links ist

          Die Wachsamkeit gegenüber Rechtsextremismus kann nicht groß genug sein. Doch es ist ein Ärgernis, dass Studien dazu missbraucht werden, die Gefährdung der Mitte einseitig darzustellen.
          Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während der Pressekonferenz im Elysée-Palast

          Macron schließt Elitehochschule : Das Ende der Enarchie

          Die Elitehochschule Ena gilt vielen Franzosen als Brutstätte einer abgehobenen politischen Führungsschicht. Präsident Macron will die staatliche Verwaltungshochschule jetzt abschaffen. Das ist ein Paukenschlag – und wird doch nichts an den Gründen für den Zorn der Bürger ändern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.