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Ausstellung „Beauty“ : Ist dem Auge des Betrachters zu trauen?

Die fröhliche Publikumsbefragung geht in die zweite Runde: Sagmeister & Walsh fragen im Frankfurter Museum für angewandte Kunst nach Sinn und Zweck der Schönheit.

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          Es gibt Ausstellungen, die bringen das Fach voran, die zeitigen dicke Kataloge, da freut sich die Wissenschaft. Und dann gibt es Ausstellungen, die sind im besten Sinne volkspädagogisch. Sie bringen ihre Besucher voran, indem sie sie mit Fragen konfrontieren, die sich die vielleicht noch nicht so oft gestellt haben. Zum Beispiel, wie sie persönlich es eigentlich mit der Schönheit halten. Oder mit dem Glück. Ausstellungen dieser Art sind die Domäne der New Yorker Grafik-Designer Stefan Sagmeister und Jessica Walsh, die bereits im Jahr 2015 mit „The Happy Show“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst zu Gast waren. Damals fragten sie sich selbst und die Besucher mittels eines spielerischen Installationsparcours, was Glück ist und was man selbst dafür tun kann.

          Nun geht die fröhliche Publikumsbefragung in die zweite Runde. „Beauty“ ist, wie schon „Happy“, eine Übernahme aus dem MAK in Wien. An insgesamt 68 Stationen wird das Thema in den Bereichen Stadtplanung und Psychologie, Geschichte und Naturwissenschaft abgeklopft. Und der Besucher darf kräftig mitklopfen, was wohl den ungeheuren Erfolg der Sagmeister-&-Walsh-Schauen ausmacht.

          Wie tief geht Schönheit wirklich?

          Das mit der Schönheit ist ja auch interessant. Jahrhundertelang hingen Schönheit und Wahrheit in der Wahrnehmung der Künstler und Philosophen eng zusammen, so ungefähr bis zum Ersten Weltkrieg, wobei Schönheit immer auch Ornament bedeutete. Das Geschwungene wurde als dem Auge angenehm angesehen, das allzu Gerade wurde vermieden. Dann geriet die Sache unter Verdacht. „Evolution der Kultur ist gleichbedeutend mit dem Entfernen des Ornaments aus dem Gebrauchsgegenstande“, postulierte der österreichische Architekt und Publizist Adolf Loos 1908 in seiner Schrift „Ornament und Verbrechen“, und seitdem scheint die Schönheit der Aufklärung im Wege zu stehen. Dass die beiden aber nicht ohneeinander können, weil die Neigung zur harmonischen Form nun einmal evolutionär im Menschen angelegt sei, ist die Botschaft, die Sagmeister & Walsh in ihrer Ausstellung postulieren. Warum sonst zogen unsere Vorfahren symmetrische Steinäxte deutlich anderen, ebenso funktionalen, aber weniger ästhetischen Faustkeilen vor? Direkten Nutzen zogen sie keinen daraus.

          Was nutzt Schönheit am Bau? U-Bahn-Haltestellen in Moskau im Vergleich mit ihren öden Münchner Pendants. Bilderstrecke

          Doch die Meinungen über Ästhetik sind durchaus variabel. Mittels Papiermünzen, die in die Eintrittskarte gestanzt sind, kann man an verschiedenen Stationen abstimmen: Welche Landschaft ist die schönste, welche Form, welche Farbe, welcher Geruch? Und wie haben die anderen abgestimmt? Meist gibt es einen eindeutigen Trend. Doch nicht selten liegt die Schönheit dort, wo viele sie vermuten, nämlich im Auge des Betrachters. Allgemein als schöner empfunden wird ein buntgemusterter Raum. Zum Vergleich ist derselbe Raum, wenn er unter einer Natriumdampfbeleuchtung grau erscheint, gleich viel weniger einladend.

          Aber wie tief geht Schönheit wirklich? Ist sie nur ein nettes Zusatzfeature oder unersetzlich für den Erfolg eines Produktes oder einer Unternehmung? Natürlich besteht der Grafik-Designer auf Zweite, aber er hat auch ein paar schlagende Argumente parat. In ansprechend gestalteten Krankenhäusern benötigen Patienten nicht nur weniger Schmerzmittel, sie werden auch schneller entlassen. Und besonders in der Stadtplanung kann eine Verschönerung große Erfolge zeitigen. Eine dunkle, stinkige Unterführung in New York verschönerten Sagmeister & Walsh mit einem großen „Yes!“-Graffito. Inzwischen ist der Tunnel zu einem beliebten Fotomotiv für Brautpaare avanciert. Favelas in Rio erhielten durch einen neuen Anstrich, das „Favela Painting Project“, nicht nur etwas Farbe, sondern auch insgesamt Auftrieb. Dabei durften die Bewohner bei einem Grillfest mitbestimmen, wie die Gestaltung umgesetzt werden soll. Einen ähnlichen Erfolg konnte der einstige Bürgermeister von Tirana verbuchen, der graue Wohnblöcke farbig gestaltete.

          In diesen Fällen ist es nicht die Schönheit allein, die etwas bewirkt, ihr Erfolg hat auch eine gesellschaftliche und soziale Komponente. Dennoch ist die Forderung, Ästhetik nicht außer Acht zu lassen, auch wenn sie vielleicht ein wenig mehr kostet, natürlich berechtigt. Was man dann noch braucht, wäre ein Bewusstsein für Schönheit, wie es etwa die Bewohner des indischen Staates Rajasthan haben. Ihre Straßenverschönerungsstrategie besteht vor allem in einer sehr bunten, elaborierten Garderobe.

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