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Ausstellung „Rouge“ : Klassenkampf an allen Fronten

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Rot ist die Farbe: Die Ausstellung „Rot. Kunst und Utopie im Land der Sowjets“ im Pariser Grand Palais verfolgt das Schicksal der Kunstströmungen in der frühen Sowjetunion.

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          „Hinweg mit den Musenpriestern, den mähnigen Kunstphilistern!“ – Wie kein anderer Dichter steht Wladimir Majakowski für die avantgardistischen Experimente und die modernistische Vielfalt des aufkeimenden Sozialismus nach der Oktoberrevolution 1917. Und er steht für den mit gleicher Wucht einschlagenden Gleichschritt, der mit dem Machtantritt von Stalin in einen staatlich oktroyierten sozialistischen Realismus mündete. Die Begeisterung vieler junger aufstrebender Künstler für die Revolution und die mit ihr einhergehenden blutigen Transformationen mündete in den ersten Jahren von Lenins Herrschaft in ein Kaleidoskop avantgardistischer Kunstpraktiken, die die Sowjetunion kurzzeitig zum Experimentierlabor der Moderne machten. Diesem Geist des Aufbruchs, aber auch der Propaganda und Vernichtung Andersdenkender widmet sich die Ausstellung „Rot. Kunst und Utopie im Land der Sowjets“ in Paris.

          Die großangelegte Schau, die sich am Appell von Majakowski orientiert, vereint im Nordflügel des Grand Palais mehr als vierhundert Werke, insbesondere aus den großen russischen Schatzkammern in Moskau und Sankt Petersburg, wie der Tretjakow Galerie oder dem Russischen Nationalmuseum. Mit viel Pathos versucht sich die Ausstellung an eine in den Anfängen avantgardistische und heterogene, sowjetische Kunstszene heranzutasten, die sich mit den propagandistischen Wandlungen unter Stalin zu einer homogenen Staatskunst entwickeln wird, ganz im Dienst der gesellschaftlichen Gleichschaltung. Der zeitliche Rahmen reicht von 1917, dem Jahr der revolutionären Transformation, über den bolschewistischen Bürgerkrieg und die Machtübernahme Stalins bis hin zu seinem Tod 1953.

          Gustav Klucis: „Millions de travailleurs! Rejoignez la compétition socialiste!“
(um 1927)

          Gerade diese weite Spanne macht „Rouge“ so großformatig. Nur zweimal in der jüngeren Zeit haben Pariser Ausstellungen es vermocht, ähnlich breit das Wirken der sowjetischen Kunst zu thematisieren. Im Jahr 1937, zur Weltausstellung in Paris, war der sowjetische Pavillon vor allem eine Leistungsschau des gerade industrialisierten Riesenreichs, setzte architektonische Maßstäbe und präsentierte erstmals die Großplastik „Arbeiter und Kolchosebäuerin“ von Vera Muchina. Dann war es „Paris–Moscou“, wo sich 1979 die damals starke Russophilie vieler Pariser Intellektueller und das breite Interesse des Westens an der Kunst jenseits des Eisernen Vorhangs spiegelte.

          Das Bild eines Gemeinwesens

          Schon im ersten Saal der aktuellen Schau im Grand Palais wird die Strategie der Kuratoren ersichtlich, die schwierige Balance zu finden zwischen dem Wunsch, der Kunst genügend Raum zu geben, und Kommentierungen, die sie historisch einordnen. Leider gelingt das nicht durchgängig, denn die Ausstellung zerstreut sich zu sehr in unscharfe Themenblöcke und verliert in ihrer zu chronologischen Gliederung den roten Faden. Der erste Abschnitt fokussiert sich auf die konstruktivistischen Strömungen, die in den wachsenden Metropolen Moskau und SanktPetersburg die politische Revolution mit einer künstlerischen Neuausrichtung verschmelzen wollten. Sinnbildlich dafür steht das monochrome Werk „Rot“ von Alexander Rodtschenko aus dem Jahr 1921, das zugleich der Ausstellung ihren Namen gegeben hat. Daneben sind andere, vom Kubismus inspirierte Sowjetkünstler zu sehen: zum Beispiel Wladimir Tatlin, mit seinen architektonischen Turm-Skizzen und konstruktivistischen Gemälden, oder Kasimir Malewitsch, der in seinen Porträts von Bauern zum Vorzeigekünstler leninistischer Kulturpolitik avancierte. Im selben Saal sind weitere Avantgardisten vertreten, die mit unterschiedlichen Kunstformen experimentierten, sich von der Malerei abkehrten und bahnbrechende Neuerungen in Plakatgrafik, Fotomontage und Architektur schufen. Künstler wie El Lissitzky oder Julija Stepanowa konzentrierten ihr Schaffen nach der bolschewistischen Revolution ganz auf den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung.

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