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Ausstellung: Robert Gober in Basel : Der Blick des Waschbeckens

  • -Aktualisiert am

Es rauscht und plätschert im Basler „Schaulager“, in den Wänden und im Boden, hinter Türen, nur einen Spalt weit offen. Die sanitären Obsessionen des New Yorker Künstlers Robert Gober treffen die spießbürgerliche Sauberwelt.

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          Cloaca maxima. Hygienisch nicht ohne Risiko. Als Schau- und Lehrstück für das, was bei den Stoffwechselprozessen namens Leben übrig bleibt, was es auszuscheiden und abzusondern gilt, hatte das antike System durchaus seine Bedeutung. Und als der heilige Sebastian, bevor er heilig ward, sämtliche Pfeile im Leib überlebte, gaben ihm die Schergen des Kaisers Diokletian mit dem Knüttel den Rest und warfen ihn zu allem anderen, was es auszuscheiden und abzusondern gilt.

          Wohin hätten sie ihn später werfen sollen? Die Kanäle geschlossen, vergraben, verborgen, dass man nichts mehr sieht, nichts sehen muss. Was aber die Augen nicht sehen, das machen die Phantasien sichtbar. Mit seltsamer Intensität heften sich die Phantasien des New Yorker Künstlers Robert Gober an die Kanalisation, gewinnen aus unterirdischen Zeichen Formen und Szenen. Es rauscht und plätschert im Basler „Schaulager“, in den Wänden und im Boden, hinter Türen, die nur einen Spalt offen stehen. Wie ein Bergbach fällt Wasser über eine Treppe. Leitungsrohre bohren sich durch die Lehne eines Sessels, durch den Leib einer Madonnenfigur. Spülbecken, Waschbecken, Ausgusswannen, Saugglocken, Pissoirs, Gullydeckel, Abflusssiebe. Es sind die offenen Stellen, die Drainagen, die Löcher im Fließsystem tief unten, an denen das Werk sein Motiv entdeckt.

          Was am Verdrängten sinnlich bedrängend bleibt

          Wobei die sanitäre Obsession sich tunlichst schützt vor der umständelosen Deutung. Jedenfalls empfiehlt es sich dringend, mit dem psychoanalytischen Besteck behutsam umzugehen. Kein Zweifel, dass das Verborgene auch das Verbotene ist, dass das Verborgene verborgen bleiben muss, weil es schwer erträglich ist. Kein Zweifel, dass an die verborgenen Kanäle, an ihre Zu- und Abflüsse immer auch die bedürftigen, die inkontinenten Körper angeschlossen sind. Und doch ist an diesem Fließen in Tiefe und Dunkel das eigentlich Bedenkliche, wie es dem Fluss der Worte entgegen fließt, wie alles, was ausgeschieden und abgesondert wird, zugleich das Unaussprechliche ist, für das es keine verlässlichen Begriffe, nur unzuverlässige Bilder gibt.

          Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass der Ursprung der Goberschen „sinks“ und „basins“ in den Verdrängungen einer kleinbürgerlichen Sauberwelt zu suchen ist. Andere Motivkreise im Werk wie die Modellhäuschen im Neuenglandstil mit ihren eingestürzten Dächern und verbrannten Obergeschossen könnten in diese Richtung weisen. Aber zum kritischen Statement fehlen den milchig weißen Becken an der Wand die Worte. Wenn es um Verdrängung geht, dann nicht um das, was es aufzuklären gilt, sondern um das, was am Verdrängten sinnlich bedrängend bleibt.

          Ungemütliche Haus- und Heimassoziationen

          Vielleicht ist es auch ganz anders gewesen. Vielleicht haben diese milchig weißen Becken immer von der Wand zurückgeblickt - mit ihren zwei Bohrungen für die Montageschrauben. Diese kleinen schwarzen Löcher, sie fehlen kaum einmal. Kleine schwarze Augen, befremdlich starre, milchig weiße Gesichter an der Wand. Vielleicht kann man sich nur lösen, befreien von ihnen, wenn man sie nachbaut mit Gips und Holz und Draht und Halbglanzlack und sie dann irgendwann regelrecht beerdigt, die Becken eingräbt und aus dem grünen Rasen nur noch zwei Platten mit kleinen schwarzen Augen herausschauen lässt.

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