https://www.faz.net/-gqz-t1th

Ausstellung : Reine Nervensache

Die Psychoanalyse hat dem Kino eines seiner schönsten Spielzeuge geschenkt: den sich selbst deutenden Irren. Die Berliner Ausstellung „Kino im Kopf“ versucht, Sigmund Freud mit dem von ihm zurückgewiesenen Medium zu versöhnen.

          2 Min.

          Was Hollywood von der Psychoanalyse hält, sieht man in Harold Ramis' Komödie „Analyze This“ (1999). Billy Crystal spielt einen Psychiater, der einen Mafiaboss (Robert DeNiro) als Patienten annimmt. Der Pate verlangt exklusive Betreuung, die sogar so weit geht, daß Crystal eine für DeNiro bestimmte Kugel abfängt. Danach wird er in den Mob aufgenommen: der Therapeut als Gangster-Ambulanz.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sigmund Freuds Vorbehalt gegen die Verfilmung seiner Lehre - „läßt sich sowenig vermeiden wie der Bubikopf, aber ich lasse mir selbst keinen schneiden“ - ist also nicht ganz unverständlich. Der Film, um den es damals, 1926, ging, G.W. Pabsts „Geheimnisse einer Seele“, wurde trotzdem gedreht, und die tiefere Verschmelzung von Kino und Freudianismus lag schon in der Luft: Dalís und Buñuels „Andalusischer Hund“ machte drei Jahre später mit der Traumdeutung Ernst. Eine Ausstellung über „Kino im Kopf“, Film und Psychoanalyse, verkündet so eigentlich eine Binsenweisheit. Kino findet immer im Kopf statt, es war von Anfang an eine Unterabteilung der Seelenkunde, der Regisseur ein Psychagoge des Blicks.

          Der irre Psychiater

          Daß Freud den Bildzauber von sich wies, hat mit seinem Instinkt für Machtfragen zu tun. Er spürte, daß der filmische Apparat, weil er auf den Umweg über die Sprache verzichtete, die psychoanalytische Apparatur mit ihren Begriffen und Deutungszwängen außer Kraft setzen konnte. Bei Woody Allen entsteht die Komik daraus, daß die beiden Schaltkreise miteinander kurzgeschlossen sind: Der Analytiker wird selbst zur Figur des Traums.

          In Demmes „Schweigen der Lämmer“ sitzt er als gefallener Engel im Hochsicherheitstrakt, der Psychopath, der den Frauen die Haut abzieht, ist sein verlorener Sohn. Die Psychoanalyse hat dem Kino eins seiner schönsten Spielzeuge geschenkt, den sich selbst deutenden Irren. Schon in Langs „M“ ist dieser Typus angelegt, mit Lecter und den Bösewichten der „Scream“-Serie wird er zum herrschenden Prinzip.

          Seziermesser Kamera

          Die Ausstellung im Berliner Filmmuseum - das jetzt „Deutsche Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen“ heißen will - hat einen kleineren historischen und einen größeren filmischen Teil. Der kleine zeigt Freud-Fotos, Aufnahmen von Hysteriepatientinnen aus der Pariser Salpêtrière, Schilder, Geräte, Briefe und manches mehr. Der größere bietet Filmclips von Allen, Buñuel, Siodmak („Nachts, wenn der Teufel kam“), Cocteau, Hitchcock, Lynch, Alfonso Cuarón („Y tu mama también“) et cetera.

          Man möchte die beiden Teile ineinanderschieben, damit ein Schuh daraus wird: die Hysteriebilder mit der Gestik einer Asta Nielsen, einer Linda Blair („Exorzist“), einer Mia Farrow; das Hirnpräparat mit dem Haus aus „Lost Highway“, durch das die Kamera wie ein Seziermesser schneidet, mit den Delirien aus „Easy Rider“, den Traumsequenzen aus „Wilde Erdbeeren“ und „Belle de jour“.

          Seelenverwirrende Kakophonie

          Das alles wird in Berlin etwas zu sauber getrennt, so wie es dem Ordnungssinn der Psychoanalyse, weniger dem des Kinos entspricht; erst im letzten, größten Saal vermischen sich die Stimmen der Filme zu einer angemessen seelenverwirrenden Kakophonie. Dafür darf man sich gleich in zwei Räumen auf die Couch legen und in den künstlichen Himmel der Bilder schauen, eine Projektionsform, die in Filmmuseen Schule machen sollte. So sieht man, wie das Kino, statt die Seelenkunst aus der Ferne zu verehren, Freud doch zuletzt den Bubikopf geschnitten hat. Der Meister hat es geahnt.

          Im üppig bebilderten Katalog (Bertz + Fischer Verlag, 19,90 ) erzählt Michael Haneke, wie er für „Caché“ eine Traumsequenz drehte, mit Blutströmen, Wasserstürzen, einem geöffneten Kopf. „Das alles hat nicht funktioniert. Da habe ich gesagt, lieber weglassen, das ist peinlich.“ Statt dessen versteckte er den Traum in seinem Film. Das Kino lebt von dem, was es nicht analysiert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kanzlerin Merkel (CDU) und Finanzminister Scholz (SPD) im August in Berlin

          Bilanz der großen Koalition : Die SPD in voller Fahrt

          Von der Halbzeitbilanz der großen Koalition könnte ihre Zukunft abhängen, denn einige Sozialdemokraten wollen raus aus der Regierung. Dabei fällt die Analyse gerade für die SPD ziemlich gut aus – auch wenn die CDU öfter mal bremst.
          Gergely Karácsony auf einer Aufnahme vom März 2018

          Kommunalwahlen in Ungarn : Die Hauptstadt wendet sich gegen Orbán

          Die Fidesz-Partei des Ministerpräsidenten erleidet empfindliche Niederlagen in Budapest und anderen wichtigen Städten. Das hat mit Skandalen und Korruptionsvorwürfen zu tun, aber auch mit einer Kooperationsstrategie der Opposition von links bis ganz rechts.
          Der amtierende indische Ministerpräsident Narendra Modi

          Hohe Verschuldung : Weltbank warnt vor indischer Krise

          Die Lage der Banken wird prekärer. Von faulen Krediten im Volumen von rund 150 Milliarden Dollar ist die Rede. Nun schlagen die Probleme aus dem Finanzsektor auf die Binnenwirtschaft durch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.