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Ausstellung „Reine Formsache“ : Die Flamingos sind jetzt aus Plastik

  • -Aktualisiert am

Porzellankosmos im Museum in Hohenberg a. d. Eger Bild: AP

Wo hat das Bauhaus sichtbare Spuren hinterlassen? Das wunderbare, zu DDR-Zeiten im Umfeld Marguerite Friedlaenders entworfene Porzellan ist jetzt in zwei oberfränkischen Museen zu sehen.

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          Auf den ersten Blick mündet die Geschichte des Bauhauses im Exil seiner Akteure. Der Gründungsdirektor Walter Gropius emigrierte 1937 in die Vereinigten Staaten. Seine Nachfolger, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe, verließen in den dreißiger Jahren das Land. Die berühmte Töpferwerkstatt des Bauhauses in Dornburg wurde bereits 1925 geschlossen, als es von Weimar nach Dessau umzog und sich programmatisch verstärkt an der Industrie orientierte. Der Leiter der Keramikabteilung, Gerhard Marcks, und seine Schülerin Marguerite Friedlaender kamen an der Burg Giebichenstein in Halle unter, einer kaum weniger innovativen Konkurrenzeinrichtung. Mit ihren Arbeiten für die Königliche Porzellanmanufaktur Berlin schrieb Friedlaender Designgeschichte. 1933 wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft entlassen und floh zunächst in die Niederlande, später in die Vereinigten Staaten.

          Gerade im touristisch ergiebigen Jubiläumsjahr 2019 stellt sich die Frage: Wo hat das Bauhaus sichtbare Spuren hinterlassen? In welchen Zusammenhängen konnte es über die Schließung im Jahr 1933 hinaus Impulse setzen? Ist die mit dem Bauhaus assoziierte Praxis der Formgebung und Lehre nicht seit der Auflösung der Ulmer Hochschule für Gestaltung vor fünfzig Jahren passé?

          Fast zu unschuldig

          Zwei Ausstellungen im entlegenen Oberfranken geben Antworten. Das Porzellanikon mit seinen Standorten in Hohenberg an der Eger und Selb zeigt das keramische Schaffen im Umfeld der Burg Giebichenstein von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart in einer von Claudia Zachow und Steffi Auffenbauer kuratierten Schau. In Selb öffnet die Rosenthal GmbH das Werksgelände am Rotbühl für Besucher: Gropius selbst hatte die Fabrik ab 1965 mit seinem Team errichtet. Im Unterschied zur „Glaskathedrale“ in Amberg, in der heute die Riedel-Gruppe produziert, erlebte er die Vollendung seines Selber Spätwerks noch.

          Formfetischisten unter sich: Walter Gropius und Philip Rosenthal

          Herausragend ist der designhistorische Ausstellungsteil in Hohenberg, im Kern ein Who`s who der Porzellangestaltung der DDR. Schon der Auftakt überrascht: Gustav Weidanz’ Teeservice von 1922 dekliniert Griffvarianten durch, die zwischen ergonomischer Analyse und einer neuen Poesie der Technik schwanken. Die Handhaben erinnern dabei nicht zufällig an Flugzeugteile. Es folgen die erwartbaren Spitzenstücke von Friedlaender und Marcks, dekorloses Porzellan für die „Neue Wohnung“, das durch die Eleganz seiner Formen besticht. Fast zu unschuldig steht Friedlaenders Steingutservice „Five o’Clock“ in der Vitrine. Die appetitliche Cremefarbe und die seltsam bekannten Konturen lassen vergessen, dass der Entwurf von 1937 ein Produkt des erzwungenen Exils der Künstlerin ist.

          Als Bindeglied zwischen den vor 1933 in Halle tätigen Bauhäuslern und dem Neuanfang unter sozialistischen Vorzeichen fungiert Hubert Griemert, der bis 1946 an der Burg Giebichenstein lehrte. Gerne hätte man einige Arbeiten aus jener dunklen Zeit gesehen. Statt dessen prunkt die Griemert gewidmete Sektion mit seinen stilprägenden Entwürfen aus der frühen Bundesrepublik. Neben üppig sich biegenden, braun- und blauscheckigen Kolbenvasen stehen seine beiden Service für die KPM: die doppelt geschwungene Form „Krokus“ und das Jubiläumsservice „Kreis und Oval“, bei dem alle gemeinsam genutzten Teile einen ovalen Querschnitt haben.

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