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Prähistorische Kunst : Vom Wesen des Steinzeitmenschen

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Urzeitlich: Der Kreis der Schlangen von Richard Long Bild: Adagp, Paris 2019/VG Bild-Kunst,

Das Centre Pompidou in Paris widmet sich aktuell als futuristische Museumsmaschine den Projektionen der Moderne in die prähistorische Kunst. Eine Ausstellung, die einer Zeitreise gleicht.

          Als Georges Bataille Anfang der fünfziger Jahre zum ersten Mal die Höhle von Lascaux besuchte, machte er eine Erfahrung, die jedes chronologische Geschichtsbild aus der Fassung bringen musste. Die ein Jahrzehnt zuvor dort entdeckten Höhlenbilder erschienen ihm als Zeugnisse einer unvordenklichen Vergangenheit, ein Echo aus der „Nacht der Zeiten“. Zugleich aber wirkte ihre Formensprache eigentümlich vertraut – Ausdruck einer „klaren und brennenden Gegenwart“. Bataille erkannte in den Felsbildern die Handschrift eines Wesens, das gerade erst dem Tier-Sein entkommen war, ebenso aber auch erste Erzeugnisse einer Kunst, deren aktuellste Erzeugnisse in den Pariser Galerien jener Jahre zu sehen waren.

          Bataille war bekanntlich nicht der Erste, den der anachronistische Zusammenschluss moderner und prähistorischer Kunst in den Bann schlug. Schon zu Beginn der dreißiger Jahre hatte der Ethnologe Leo Frobenius Faksimiles nordafrikanischer Felsenbilder in den „Cahiers d’Art“ des Kunstkritikers Christian Zervos veröffentlicht, Carl Einstein beschrieb die Reliefs Hans Arps als Zeugnisse einer „prähistorischen Kindheit“, und auch Wassily Kandinsky fand eine innere Verwandtschaft zwischen Höhlenmalerei und moderner Kunst. Eine Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art brachte die Engführung von Prähistorie und Gegenwart 1937 auf die Formel „Modern Art 5000 Years Ago“. In London legten Herbert Read und Roland Penrose zehn Jahre später noch einige Jahrtausende dazu und betitelten ihre Weltkunst-Retrospektive „40 000 Years of Modern Art“.

          Eine große Schau im Pariser Centre Pompidou greift das Thema nun noch einmal auf – glücklicherweise aber ohne das humanistische Pathos der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Zwar meint man im ersten Raum, in dem der Schädel eines Cro-Magnon-Menschen und Paul Klees Gemälde „Die Zeit“ wie Monaden aus dem Dunkel hervorleuchten, noch jenen ahistorischen Impetus zu spüren, aber in der Folge rückt schon der Blick nach oben auf die frei liegende Röhrenkonstruktion der technizistischen Architektur des Hauses diesen Eindruck zurecht.

          Ein Konzept der Moderne

          Die Kuratoren vermeiden das Raunen über die steinzeitlichen Tiefenschichten unserer Kultur ebenso wie die biologistische Variante des Universalismus, die kulturelle Erzeugnisse auf natürliche Determinanten zurückführen will. „Vor- und Frühgeschichte“, so lautet ihre These, ist ein Konzept der Moderne. Es entstand mit den Entdeckungen der Geologie und der Archäologie und erwies sich als „gewaltige Maschine zur Durchmischung der Zeit“. Die wachsende Erkenntnis der eigenen Vergangenheit brachte auch ein neues Bild der Gegenwart hervor. Wenn also Picasso das verrostete Bruchstück eines Gasherds auf zwei Metallbeine stellt und diese Figur – in Anspielung auf die prähistorische Venus von Lespugue – als „Venus du gaz“ betitelt oder Giacometti die Mauern seines Ateliers mit Ritzzeichnungen bedeckt, dann ist das kein Ausdruck eines überzeitlichen Wesens des Menschen, sondern der Versuch, die eigene Zeit in ein reflektiertes Verhältnis zur historischen Tiefenzeit zu setzen.

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