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Prähistorische Kunst : Vom Wesen des Steinzeitmenschen

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Die Ausstellung zeigt solche Bezüge in großer historischer Breite – von Odilon Redon bis Robert Smithson und Tacita Dean, von Brassaïs Fotografien Pariser Graffiti bis zu den Menhiren der britischen Bildhauerin Barbara Hepworth. Dabei stößt man auch auf wenig Bekanntes, so etwa die Aktivitäten der „Schule von Altamira“, einer Künstlergruppe, die um 1950 eine Erneuerung der spanischen Kunst durch Rückbesinnung auf die Felsenbilder von Altamira einleiten wollte. Man plante die Errichtung eines Museums zeitgenössischer Kunst in unmittelbarer Nachbarschaft der Felsbilder und gründete eine Kunstzeitschrift namens „Bison“. Eine Entdeckung sind auch die Aquarelle des 1893 in Moskau geborenen Insektenforschers Eugen Gabritschevsky, der in einer psychiatrischen Klinik bei München Tausende von Blättern mit seinen Visionen einer von Amphibien bevölkerten Erde bemalte.

Grande Dame der Altsteinzeit und Inspiration Pablo Picassos: Die Venus von Lespugue ist etwa 23.000 Jahre alt und wurde 1922 am Fuße der Pyrenäen entdeckt.
Grande Dame der Altsteinzeit und Inspiration Pablo Picassos: Die Venus von Lespugue ist etwa 23.000 Jahre alt und wurde 1922 am Fuße der Pyrenäen entdeckt. : Bild: MNHN - Jean-Christophe Domenech

Die Entdeckung der Vorgeschichte hatte unweigerlich auch ein neues Bild der Zukunft im Gefolge: Im Anblick der prähistorischen Überreste ließ sich zugleich das künftige Verschwinden der eigenen Zivilisation imaginieren. Insofern war die Erforschung der Vergangenheit nicht nur eine Selbstvergewisserung über die eigenen Ursprünge, sondern bot auch die Gelegenheit, sich selbst fremd zu werden: Picassos bereits erwähnte „Venus du gaz“ zeigt eben ein modernes Industrieprodukt, wie es einer fernen Zivilisation in Jahrtausenden erscheinen mag.

Die Stimme aus dem Off

Auf seinem Gemälde „Im Wald“ imaginiert auch Alberto Savinio eine solche Nachwelt: In einer düsteren, wie außerirdischen Vegetation erblickt man buntes, verstreut herumliegendes Kinderspielzeug aus Holz – Überbleibsel aus einer Zeit vor dem Verschwinden des Menschen. Solche Projektionen wurden denkbar, seit bekannt war, dass dem Auftauchen des ersten Menschen ganze Erdzeitalter ohne Menschen vorausgegangen waren. In einer Vitrine sieht man ein Skizzenbuch Cézannes, in das sein Freund, der Geologe Antoine-Fortuné Marion, zwischen den Skizzen des Malers ein Schema sedimentierter Gesteinsschichten gekritzelt hat. Daneben hängt Cézannes Gemälde des Steinbruchs von Bibémus. Der rötlich-braune Fels scheint zu vibrieren, die winzige Figur davor hat kein Gesicht.

Den Kuratoren ist es gelungen, das Nachleben der Frühgeschichte in der Kunst der Moderne auch unter Einbeziehung schriftlicher Dokumente und archäologischer Fundobjekte darzustellen, ohne die ausgestellten Werke dabei zur bloßen Illustration oder Gegenständen der Belehrung zu machen. Zu den eindrücklichsten Exponaten gehört der Kurzfilm „Les mains négatives“ von Marguerite Duras – benannt nach den Negativabdrücken menschlicher Hände, die man in abgelegenen Felshöhlen entdeckt hat. Die Stimme aus dem Off erzählt von der Verlassenheit dieser ersten Menschen, die Bilder zeigen dazu eine Kamerafahrt durch das noch leere, frühmorgendliche Paris.

Auf den Boulevards gehen die Lichter der Cafés an, in der Dämmerung tauchen die ersten Autos auf, ein Trupp von Straßenfegern säubert das Trottoir. Die Erzählung von den frühesten Menschen entrückt die Bilder der erwachenden Metropole in eine andere Zeit. Zugleich kommen Text und Bild, Vergangenheit und Gegenwart nicht einfach zur Deckung. Es war ein langer Weg vom Höhlenmenschen bis zu den Straßenfegern von Paris. Wie Marguerite Duras, so haben auch die Kuratoren der Ausstellung ihn nicht zugunsten eines angeblich überzeitlichen Wesens des Menschen verkürzt.

Préhistoire. Une énigme moderne. Im Centre Pompidou, Paris; bis zum 16. September. Der Katalog kostet 39,90 Euro.

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