https://www.faz.net/-gqz-9sf9a

Delfter Maler Pieter de Hooch : In seiner Welt steht die Zeit still

Ein Jünglingsgesicht wie viele: Die Deutung dieses um 1649 entstandenen Gemäldes als Selbstporträt de Hoochs ist unter Kunsthistorikern umstritten Bilderstrecke

Das alles, die roten und braunen Ziegel, der verwaschene Kalkanstrich, der Fensterladen, der Spalt in der Türschwelle, das matte Steinpflaster des Hofs, ist mit einer Genauigkeit gemalt, die man überirdisch nennen müsste, wenn sie nicht vollkommen irdisch wäre. Nur die Menschen, die junge Frau und das Mädchen in der Laube und die Matrone im Durchgang, wirken unlebendig, wie durchgepaust. Proust hat nicht auf sie geachtet, als er in der „Suche nach der verlorenen Zeit“ die Musik Vinteuils mit der Malerei von de Hooch verglich, in der ein Motiv in der Ferne aufscheint „wie eine flüchtige Zufallserscheinung aus einer anderen Welt“.

Fast wäre de Hooch also der Maler Delfts geworden. Aber dann wurde es Vermeer, der zugleich mit de Hooch seine Reifezeit erreichte und dessen Perlenohrringmädchen und Milchkrugmagd heute auf Tassen und Kühlschrankmagneten in den Delfter Souvenirläden prangen. Das hat mit Talent und Genie zu tun, aber auch mit dem Zufall, dass Vermeer von den Einkünften seiner Mutter, einer Wirtin, zehren konnte, während de Hooch vom Malen leben musste. So zog er, als ihm der Markt in Delft gesättigt schien, aus der Provinz in die Metropole Amsterdam.

Seine Bilder zeigen den Glanz der Intimität

Die ersten Jahre dort müssen elend gewesen sein. De Hooch wohnte in Neubauvierteln am Stadtrand zur Miete, neben Werften, Schänken und Bordellen, während seine Frau zu den beiden ersten Kindern fünf weitere bekam. Seine Kundschaft aber stammt jetzt aus dem Geldadel des Landes. Das Mobiliar seiner Familienporträts wird edler, die Kleidung üppiger. Seine stillen Räume prunken jetzt mit Goldtapeten, Perserteppichen, Brokat. Das Händler-Paar Jacott-Hoppesack posiert mit seinen Kindern, Wappen und Historiengemälden in steifer Harmonie, der vertraute Durchlass im Hintergrund öffnet sich auf eine Parklandschaft, in der das Ehepaar noch einmal vor seinem Landhaus zu sehen ist. De Hooch malt aber auch anderes in dieser Zeit, Momente eines Alltags, der womöglich sein eigener ist.

Die zwei Fassungen des „Schlafzimmers“ aus Washington und Karlsruhe gehören zu den wenigen Bildern in seinem Werk, auf denen die Figuren, das Mädchen und die Frau, individuelle Züge tragen. Der Boden ist aus einfachen Steinplatten. Ein Nachttopf schimmert stumpf. Das Nachmittagslicht bricht sich auf den verputzten Wänden und im Haar des Mädchens, das nach dem Türklopfer greift. Vermeer war der größere Maler, aber de Hoochs Innenräume halten etwas fest, das keiner so gesehen hat wie er: den Glanz der Intimität.

Die „Mutter“ aus der Berliner Gemäldegalerie ist die Luxusversion dieses Weltstilllebens: Die Fliesen, Stoffe, Geschirre stammen aus einem Großbürgerhaushalt, als hätte de Hooch seine Bildidee einfach um zwei Sozialklassen heraufgesetzt. Das Mädchen schaut jetzt aus der Tür heraus, die Frau im Pelzkleid öffnet ihr Wams, um ihr Baby zu stillen. Das Glück ist mit Händen zu greifen.

Um 1668 gelang es de Hooch endlich, mit seiner Familie ins Amsterdamer Stadtzentrum zu ziehen, aber seine finanzielle Lage besserte sich nicht. Dann kam das „rampjaar“, das Katastrophenjahr 1672, als die Holländer die Deiche öffnen mussten, um den Vormarsch der französischen Armee aufzuhalten. Der Kunsthandel brach zusammen. Als Vermeer drei Jahre später starb, war er bankrott. De Hooch überlebte die Krisenzeit um den Preis seines Künstlertums. Sein Spätwerk, von seltenen Ausnahmen abgesehen, ist ein Karneval verbrauchter Motive und fader Kostbarkeiten. 1679 liefert er seinen gleichnamigen Sohn, den er zum Maler ausgebildet hat, im Amsterdamer „dolhuys“, dem städtischen Irrenhaus ab, weil er die Kosten für dessen Pflege nicht tragen kann. Nach diesem Datum ist kein Gemälde de Hoochs mehr erhalten. Das Goldene Zeitalter der Niederlande war nur für jene golden, die er malte. Für ihn war es bleiweiß, ziegelrot und schwarz.

Weitere Themen

Topmeldungen

Triumphaler Wahlsieg: Boris Johnson am Freitagmorgen in London

Sieben Antworten zur Wahl : Naht das Ende des Vereinigten Königreichs?

Boris Johnsons Konservative triumphieren, Labour und die kleinen Parteien haben wenig zu lachen – bis auf schottische Nationalisten und irische Republikaner. Unser Korrespondent beantwortet die wichtigsten Fragen zur britischen Wahl.
Allein geht es nicht: Der Rapper Kollegah kann sich forsche Töne leisten, weil er einen Beschützer hat.

Familienclans und Rocker : Die „Rücken“ der Rapper

Rapper in Deutschland haben oft mit kriminellen Milieus zu tun. Sie lassen sich von Rockern und Clans beschützen. Wenn die Hintermänner streiten, wird es gefährlich. Ein Einblick in die Welt von Kollegah, Capital Bra und Bushido.

EU-Gipfel in Brüssel : Polen stellt sich quer

Der EU-Gipfel sagt zu, die EU bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen – ausgenommen Polen. Warschau blockiert so das erhoffte Signal zum Ende der Klimakonferenz in Madrid.
Sollen am Checkpoint Charlie die Brandwände sichtbar bleiben, als Erinnerung an die Teilung Berlins? Oder soll man hier Hochhäuser bauen und die Erinnerung einem unterirdischen Museum überlassen?

Dauerbaustelle Berlin : Unter dem Pflaster liegt der Filz

Der Skandal um die Bauakademie und weitere Berliner Symbolprojekte zeigen, dass die Kulturpolitik ein Kungelei- und Kompetenzproblem hat. Wird man wenigstens im Streit um den Checkpoint Charlie eine gute Lösung finden?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.