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Ausstellung „NYC 1993“ im New Museum : Wohin spuckt der Künstler im Haus des reichen Mannes?

Wut und Verzweiflung: Das waren die Neunziger. Das New Museum in New York versucht sich an einer Bestandsaufnahme der Kunstproduktion des Jahres 1993.

          Am 1. Januar 1993 wurde die Tschechoslowakei aufgeteilt, in Tschechien und die Slowakei, während die New Yorker Dia Art Foundation eine Schau mit Werken von On Kawara unter dem Titel „One Thousand Days One Million Years“ eröffnete. Am 31. Dezember desselben Jahres wurde Brandon Teena, einundzwanzig Jahre alt, transsexuell, in Nebraska vergewaltigt und ermordet, eine Bluttat, auf die sich der Film „Boys Don’t Cry“ bezog. Was dazwischen im Verlauf des Jahres passierte, zeigt jetzt das New Museum in „NYC 1993: Experimental Jet Set, Trash and No Star“, einer Ausstellung, benannt nach einem Album der New Yorker Rockband Sonic Youth.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Von einem „synchronischen Panorama“ sprechen die vier Kuratoren Massimiliano Gioni, Gary Carrion-Murayari, Jenny Moore und Margot Norton, die 1993 noch in die Schule gingen und sich darum in ihrem „Experiment mit der kollektiven Erinnerung“ auf die Erinnerung anderer verlassen müssen. Aus der „Zeitkapsel“, in die sie das gesamte Museum verwandelt haben, sollen wir die Kunst eines ganzen Jahres bergen. Es ist ausschließlich Kunst, die damals in New York zu sehen war.

          Der Katalog aber nimmt mit seiner sich über alle 183 Seiten erstreckenden, keinen einzigen Tag überspringenden Zeitleiste auch das Weltgeschehen ins Visier. So darf die Stadt sich wieder einmal als künstlerischer Mikrokosmos der Welt bestätigt fühlen, als Magnet für Künstler von überall her. Das Jahr 1993, wie es im New Museum rekonstruiert wird, ist dennoch eine durch und durch New Yorker Angelegenheit. Es kann also, anders gesagt, nur eine Zumutung sein. Nostalgie hat gar keine Chance inmitten einer Zeitreise, die voller Wut, Verzweiflung und Gefahr ist. Wir werden an einem Ort ausgesetzt, wo es keinen festen Halt mehr gibt. Wirtschaftlich hat die Erde gebebt, die Kriminalitätsrate befindet sich in Rekordhöhe. Und dann ist da Aids, der Killer, der gerade im höchsten Lebensrausch immer brutaler zuschlägt. Mit zwei riesigen Billboards, durch deren grobkörniges Schwarzweiß auf jedem ein einsamer Vogel segelt, und einer hängenden Skulptur aus warm leuchtenden Glühbirnen spürt Félix González-Torres dem Zeitgefühl nach. Drei Jahre später stirbt er, neununddreißigjährig, an den Folgen einer HIV-Infektion.

          Vater-und-Sohn-Idyll mit Ziegenbock

          Aids zieht sich als Todesspur durch die Ausstellung, direkt und angedeutet in Arbeiten von so unterschiedlichen Künstlern wie Nan Goldin, Gregg Bordowitz, Andres Serrano, Derek Jarman und Kristin Oppenheim. Oft aber ist eine vage Katastrophenstimmung.

          Um die dreihundert ausrangierte Kinderwagen hat Nari Ward in Harlem zusammengetragen und mit Feuerwehrschläuchen zu einem enormen Oval gebündelt, das den Konturen eines Schiffsrumpfs folgt. Wie ist das zu entschlüsseln? Worauf wird hier angespielt? Hoffnungslos kann uns das Kinderwagenrätsel jedenfalls nicht zurücklassen, solange Mahalia Jackson dazu „Amazing Grace“ singt. Deutlicher, aber auch noch viel detailreicher ist die Installation, die Pepón Osorio als „Scene of the Crime (Whose Crime?)“ verstanden haben will. Hätten wir auch nicht anders verstanden. Die blutige Leiche liegt ja noch am Tatort, vom Künstler penibel ausgestaltet als übervollgestopfte Wohnung, die sich am liebevoll studierten Klischee nicht weniger als an der Realität orientiert, um mit ihrem abenteuerlichen Nippeswust und Schnörkelschwulst den barocken Geschmack gewisser amerikanischer Latinos zu treffen. Auf das Chaos, wie es heute Ryan Trecartin in seinen wilden Dekonstruktionen privater und öffentlicher Räume heraufbeschwört, verweist schon Jason Rhoades mit seiner „Garage Renovation New York“, dem Schlachtplatz eines Heimwerkers, der wohl in Suburbia einen aussichtslosen Kampf um Zucht und Ordnung zu führen scheint.

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