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Ausstellung : Nofretetes spektakuläres Gastspiel

  • -Aktualisiert am

Niemand kann sich der Schönheit dieser Frau entziehen: Die 1911 entdeckte Büste der ägyptischen Königin Nofretete hat ein neues Berliner Quartier bezogen. Dort ist sie Fixstern der Ausstellung „Hieroglyphen“.

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          „Da pfiff sie auf die Sittsamkeit, sie machte sich 'nen Schlitz am Kleid und fuhr hinauf nach Theben, um dort sich auszuleben.“ Als dieses frivole Chanson über die Kapricen der „Frau Potiphar“, ihres Mannes sowie des Pharaos und seines Günstlings Joseph 1922 zum Berliner Gassenhauer wurde, stand die Ägyptomanie in Deutschland und Europa auf dem Höhepunkt.

          Tutanchamun, dessen Grab Howard Carter im selben Jahr entdeckt hatte, war in aller Munde, Richard Strauss hatte das Ballett „Josephslegende“ komponiert, in dem dann Tilla Durieux, „das Puma der Berliner Bühnen“, zuvor als Cleopatra gefeiert, an der Deutschen Oper als Sensation der Saison die Gemahlin des Pothipar gab.

          Zur selben Zeit füllte die Ausdruckstänzerin Sent M'Ahesa Riesensäle mit ihren altägyptischen Tänzen. Sie war schon 1917 von dem Bildhauer Bernhard Hoetger in einer Büste porträtiert worden, deren expressionistische Magie verblüffend jenem Bildnis gleicht, das bald darauf erst Berlin und dann die Welt verhexte: die Büste der Nofretete, 1911 entdeckt und 1920 erstmals auf der Berliner Museumsinsel öffentlich ausgestellt.

          Die Schöne ist gekommen

          Thomas Mann, der, entgegen seinen eigenen Äußerungen, durchaus empfänglich war für Trends und Zeitgeist, faßte in jenen Tagen die Idee zu seiner Josephs-Tetralogie, in der er jener Pharaonengattin, deren Namen übersetzt „Die Schöne ist gekommen“ lautet, glänzende Auftritte schenkt. Zur Zeit ist Nofretetes „ängstliche Lieblichkeit“ (Thomas Mann) auf dem Berliner Kulturforum zu beschauen.

          Denn die Schöne ist auf Reisen: Die Nofretete-Büste, die 2006 an ihren angestammten Platz in Stülers - bis dahin hoffentlich wieder aufgebautes - Neues Museum zurückkehren soll, macht Zwischenstation, weil das Ägyptische Museum am Charlottenberger Schloß, ihr Refugium seit 1966, zum Standort surrealistischer Kunst umgenutzt wird.

          In ihrem kurzzeitigen Interimsquartier ist Nofretete Fixstern der Sonderausstellung „Hieroglyphen“, die sie mit Kunstwerken von der Renaissance bis zur Gegenwart konfrontiert. Was der Titel meinen könnte, läßt die Präsentation erahnen: den Versuch, die abendländische Tradition des Verrätselns von Bildern mit ihrem Ursprung, der hieroglyphischen altägyptischen Kunst, zu konfrontieren.

          tselhaft ist sie allemal

          Rätselhaft ist die um 1345 vor Christus geschaffene, annähernd lebensgroße und aus Gips über einen Kalksteinkern modellierte Büste allemal. Aufgefunden in einer königlichen Bildhauerwerkstatt in den Ruinen von Amarna, der neuen Hauptstadt, die der Sonnenanbeter und „Ketzerpharao“ Echnaton gegründet hatte, ist sie die berühmteste Schöpfung der sogenannten Amarnakunst, jener kurzlebigen, von Echaton ins Leben gerufenen Phase altägyptischer Kunst, während deren das Diesseits in seinen flüchtigen Erscheinungsformen im Mittelpunkt stand.

          Niemand kann sich dem Bann entziehen, der von der verletzlichen Schönheit dieser Frau ausgeht. Die Gesichtszüge sind von einem fast erschreckenden Ebenmaß; Makellosigkeit, die in letzter Sekunde durch winzige Abweichungen vor kalter Leblosigkeit bewahrt wird. Sie erst machen die Erscheinung real und (wozu das eingelegte Auge wesentlich beiträgt) bedrängend gegenwärtig.

          Groteske Züge

          Skeptiker betonten immer wieder den Gegensatz der Büste zu den übrigen faszinierenden Kunstwerken aus Amarna, deren Realitätsnähe so weit getrieben ist, daß sie auch groteske Züge annehmen kann. Einige Bildnisse des Pharaos Echnaton beispielsweise zeigen ihn - Thomas Mann nennt es „äffisch“ - extrem ausgemergelt, mit Wulstlippen und Nußknackerkinn, Trommelbauch und Hängebrüsten. Auch eine Statuette der Nofretete bietet diesen extremen Verismus. Sie präsentiert eine gealterte erschöpfte Frau mit schlaffen Mundwinkeln, flachem Busen und von Ödemen aufgetriebenen Beinen. Gerade diese Darstellung, so die Kritik, entlarve die weltberühmte Büste als seelenlose schönfärberische Dekoration.

          Doch vor einigen Monaten entdeckte man bei neuer Beleuchtung die Ansätze von Krähenfüßen, Mundwinkelfalten und leicht erschlaffte Halspartien an der Porträtbüste. Seither gilt auch sie uneingeschränkt als Meisterwerk jener Kunst, die in ihren besten Schöpfungen eine unvergleichliche Schwebe zwischen Idealisierung und Naturalismus, Stilisierung und Verismus hält.

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