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Fotoausstellung in Berlin : 750 Jahre im Eimer

  • -Aktualisiert am

„Konfettinacht“ (2007) von Carolin Saage Bild: Carolin Saage

Die Ausstellung „No Photos on the Dance Floor!“ im C/O Berlin zeigt das städtische Nachtleben zu einer Zeit, bevor es im Einheitsbrei der zeitgenössischen Berliner Investorenarchitektur unterging.

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          Zerzaustes Haar, verwischter Lippenstift, verschlafene Augen. Im Jahr 2004 porträtiert der in Augsburg geborene Fotograf Martin Eberle eine Ikone des Berliner Gegenwartsnachtlebens. Sein Bild zeigt die kanadische Sängerin Peaches in absoluter Nahaufnahme im heute nicht mehr existierenden Club Maria, der zwischen Ostbahnhof und Spree ein technowütiges Publikum anlockte. Es ist ein intimes Zeitdokument der Elektroclash-Künstlerin und das einer Stadt, die den Tanz auf dem Vulkan allwöchentlich kultiviert hat, indem sie seit jeher Exzess, Ekstase und Dekadenz zum Sinnbild ihres urbanen Daseins machte. Martin Eberle ist Teil der Berliner Technowelt. Als stummer Zeuge im Hintergrund bannt er Clubs, Feiernde, DJs und die abseitigen Gestalten des Berliner Nachtlebens auf Celluloid, ähnlich wie es bis heute auch Wolfgang Tillmans tut.

          Einen ähnlichen Rundumschlag durch das zerfallene und neu entstehende Berliner Nachtleben lieferte Fotograf Ben de Biel, der von 1990 bis 1995 durch die Stadt flanierte und die kleinen Momente der Nacht festhielt. Eine Straße voller Ruinen und eine Club-Tür beispielsweise. Über dem Eingang prangt eine Leuchtreklame, „750 Jahre im Eimer“, als ein gesellschaftskritisches Überbleibsel des Berliner Stadtjubiläums von 1987.

          Den visuellen Chronisten der Technoszene setzt momentan die Ausstellung „No Photos on the Dance Floor!“ in der C/O Berlin Foundation ein Denkmal, die das traditionsreiche Amerika-Haus zu einem Museum der Clubfotografie macht. Die Schau versucht in das Herz der Hauptstadt vorzudringen und die Geschichte von Orten zu erzählen, die heute verschwunden oder im Einheitsbrei der zeitgenössischen Berliner Investorenarchitektur untergegangen sind. Dafür liefert sie eine umfangreiche Zusammenstellung bekannter und weniger bekannter Fotografen, von Sven Marquardt, dem Türsteher des Berghains, über Anna-Lena Krause oder Tilmann Künzel.

          Vergangene Geschichten aus dem nächtlichen Herz der Hauptstadt: „ohne Titel“ (2007) von Carolin Saage

          Kuratiert ist das fotografische Szenehappening von Heiko Hoffmann, dem früheren Chefredakteur der Musikzeitschrift „Groove“ und Gastprofessor am Institute of Recorded Music der New York University. Besonders die Clubs seiner Generation stehen im Zentrum der Ausstellung – Maria, Cookies, WMF und Ostgut. Hoffmann zeigt Fotos vom Interieur des alten Tresors in den ehemaligen Schließfächerhallen des Kaufhauses Wertheim am Leipziger Platz und einen frühen Videomitschnitt, der wenige Tage nach der letzten Party am 16. April 2005 aufgenommen wurde.

          Eine große Abstraktionsmaschine

          Überall sind Zitate der Heroen der damaligen Zeit neben den Fotografien plaziert, wie beispielsweise von Wolfgang Tillmans: „Für mich ist ein Club eine große Abstraktionsmaschine, die ständig Bilder produziert.“ Obwohl Tillmans in der Londoner Techno- und Undergroundszene erfolgreich geworden ist, übte Berlin stets eine unbändige Faszination auf den Fotografen aus. Er ist mit seiner Installation „We Haven’t Stopped Dancing Yet“ vertreten, die er extra für die Schau angefertigt hat und die seine Bilder des Berliner Nachtlebens von 1991 bis 2018 zusammenführt.

          Die Motive reichen von dunklen, nebelverhangenen Clubszenen zu tanzenden Ravern im Tiergarten, DJs am Mixpult, Teenager beim Rauchen. Die Fotografien sind mit Tesafilm an den monochromen Wänden der Ausstellungssäle befestigt. Auch das ist eine Hommage an den temporären Zustand vieler Clubs, die Vergänglichkeit des Feierns und die Augenblicke des Glücks im Schatten der Nacht. Es sind Bilder einer wilden, hedonistischen und planlosen Jugend, die auf der Suche ist nach dem nächsten Kick, einem neuen Flirt oder einem Fragment von Authentizität in einer Welt voller Schein.

          Eine ähnlich sezierende Untersuchung der Clubkultur offenbart sich in den fotografischen Arbeiten von Giovanna Silva, die er unter dem Titel „Nightswimming“ zusammengestellt hat. In den sechzehn Fotografien, die von 2014 bis 2016 entstanden sind, bildet er immer nach dem gleichen Schema unterschiedliche Clubs ab: Stets dokumentiert er die zentrale Tanzfläche und das Interieur. Er spielt mit den ausschweifenden Lichteffekten der Lasermaschinen, wodurch Aufnahmen entstanden sind, die den Charakter jedes einzelnen Clubs projizieren.

          Von den rot schimmernden Neonröhren und den plastischen Wänden des Watergate Clubs an der Spree, über die mit hellgrünen Fliesen verkleidete Tanzfläche des Ritter Butzke, in dem die meterhohen Soundanlagen eine skulpturale Wirkung entfalten, bis hin zum Poolbecken des Strandbads Wedding, zeigt er die gesamte Vielfalt der Berliner Clubszene und schafft dabei zeitlose Architekturfotografien.

          Auch den Insignien der Technoszene gibt die Ausstellung viel Raum. So werden im großen Saal der C/O Gallery Club-Flyer in Vitrinen präsentiert, die für sich kleine grafische Kunstwerke sind. Ebenso bewusst ist der Titel der Schau gewählt, der auf eine besondere Eigenart des Berliner Nachtlebens bezogen ist. Mehrere Fotografien zeigen kleine kreisförmige Aufkleber am Boden. Mit ihnen werden Handykameras abgeklebt, denn in den meisten Berliner Clubs herrscht Fotografieverbot. Eine Praxis, die Räume schaffen soll, die völlig frei von den Zwängen der Realität, gesellschaftlicher Moral und Verurteilungen sind. Auch in den analogen Neunzigern war es in der Berliner Technoszene nicht erlaubt, Fotos von Partys zu machen.

          Völlig frei von Zwängen der Realität, Moral und Verurteilung

          Es ist diese geistige Haltung, die sich bis heute erhalten hat und wohl auch eines dieser Elemente ist, welches den geheimnisvollen Nimbus vieler Technoclubs der Hauptstadt definiert. Zentrum dieses Kultes im Jahr 2019 ist das Berghain. Wohl kaum ein Club hat es weltweit zu so viel Ruhm gebracht, wie die Kraftwerkshallen am ehemaligen Wriezener Bahnhof im Osten der Stadt. In der Ausstellung wird die sagenumwobene Kathedrale des Techno durch Sven Marquardts und Marcel Dettmanns Installation „Black Box“ repräsentiert: Schwarzweißporträts des Berghain-Publikums und von Fetisch-Partys. Hart und rauh zugleich, angereichert mit Techno-Bässen.

          Den Gegenpol dazu stellt die Reihe „Stempelwald“ von Erez Israeli dar. Acht Monate lang besucht der aus Israel stammende Künstler das Berghain, lässt sich nach jeder Nacht die Partystempel tätowieren und fotografiert diesen Prozess. Das Tätowieren erscheint dabei als radikale Aktion, ein inniges Bekenntnis des jungen Israeli zur Clubkultur der deutschen Hauptstadt. Doch auch hier offenbaren sich historische Bezüge: Die tätowierten Ewigkeitszeichen erinnern an die Häftlingstätowierungen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten.

          Israeli ist Sinnbild des Zeitgeistes, der Berlin heute ausmacht. Eine kosmopolitische Stadt, in der Menschen verschiedenster Nationen, Religionen und Weltanschauungen zusammenkommen, um sich den sorglosen Vergnügungen der Moderne hinzugeben. So ist diese Ausstellung eine Hommage an Berlin, mit all seinen Brüchen, Divergenzen, der großen Melancholie und Hoffnung, die diese Metropole in sich trägt. So wie es auch Fotograf Martin Eberle ausdrückte: „Es gab keinen Grund, zu glauben, nicht dazuzugehören, man war sicher, einmal, ein einziges Mal, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort zu sein“.

          No Photos on the Dance Floor! Im C/O Berlin im Amerika-Haus, Berlin, bis zum 30. November. Der Katalog kostet 36 Euro.

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