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Fotoausstellung in Berlin : 750 Jahre im Eimer

  • -Aktualisiert am

Die Ausstellung „No Photos on the Dance Floor!“ im C/O Berlin zeigt das städtische Nachtleben zu einer Zeit, bevor es im Einheitsbrei der zeitgenössischen Berliner Investorenarchitektur unterging.

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          Zerzaustes Haar, verwischter Lippenstift, verschlafene Augen. Im Jahr 2004 porträtiert der in Augsburg geborene Fotograf Martin Eberle eine Ikone des Berliner Gegenwartsnachtlebens. Sein Bild zeigt die kanadische Sängerin Peaches in absoluter Nahaufnahme im heute nicht mehr existierenden Club Maria, der zwischen Ostbahnhof und Spree ein technowütiges Publikum anlockte. Es ist ein intimes Zeitdokument der Elektroclash-Künstlerin und das einer Stadt, die den Tanz auf dem Vulkan allwöchentlich kultiviert hat, indem sie seit jeher Exzess, Ekstase und Dekadenz zum Sinnbild ihres urbanen Daseins machte. Martin Eberle ist Teil der Berliner Technowelt. Als stummer Zeuge im Hintergrund bannt er Clubs, Feiernde, DJs und die abseitigen Gestalten des Berliner Nachtlebens auf Celluloid, ähnlich wie es bis heute auch Wolfgang Tillmans tut.

          Einen ähnlichen Rundumschlag durch das zerfallene und neu entstehende Berliner Nachtleben lieferte Fotograf Ben de Biel, der von 1990 bis 1995 durch die Stadt flanierte und die kleinen Momente der Nacht festhielt. Eine Straße voller Ruinen und eine Club-Tür beispielsweise. Über dem Eingang prangt eine Leuchtreklame, „750 Jahre im Eimer“, als ein gesellschaftskritisches Überbleibsel des Berliner Stadtjubiläums von 1987.

          Den visuellen Chronisten der Technoszene setzt momentan die Ausstellung „No Photos on the Dance Floor!“ in der C/O Berlin Foundation ein Denkmal, die das traditionsreiche Amerika-Haus zu einem Museum der Clubfotografie macht. Die Schau versucht in das Herz der Hauptstadt vorzudringen und die Geschichte von Orten zu erzählen, die heute verschwunden oder im Einheitsbrei der zeitgenössischen Berliner Investorenarchitektur untergegangen sind. Dafür liefert sie eine umfangreiche Zusammenstellung bekannter und weniger bekannter Fotografen, von Sven Marquardt, dem Türsteher des Berghains, über Anna-Lena Krause oder Tilmann Künzel.

          Kuratiert ist das fotografische Szenehappening von Heiko Hoffmann, dem früheren Chefredakteur der Musikzeitschrift „Groove“ und Gastprofessor am Institute of Recorded Music der New York University. Besonders die Clubs seiner Generation stehen im Zentrum der Ausstellung – Maria, Cookies, WMF und Ostgut. Hoffmann zeigt Fotos vom Interieur des alten Tresors in den ehemaligen Schließfächerhallen des Kaufhauses Wertheim am Leipziger Platz und einen frühen Videomitschnitt, der wenige Tage nach der letzten Party am 16. April 2005 aufgenommen wurde.

          Eine große Abstraktionsmaschine

          Überall sind Zitate der Heroen der damaligen Zeit neben den Fotografien plaziert, wie beispielsweise von Wolfgang Tillmans: „Für mich ist ein Club eine große Abstraktionsmaschine, die ständig Bilder produziert.“ Obwohl Tillmans in der Londoner Techno- und Undergroundszene erfolgreich geworden ist, übte Berlin stets eine unbändige Faszination auf den Fotografen aus. Er ist mit seiner Installation „We Haven’t Stopped Dancing Yet“ vertreten, die er extra für die Schau angefertigt hat und die seine Bilder des Berliner Nachtlebens von 1991 bis 2018 zusammenführt.

          Die Motive reichen von dunklen, nebelverhangenen Clubszenen zu tanzenden Ravern im Tiergarten, DJs am Mixpult, Teenager beim Rauchen. Die Fotografien sind mit Tesafilm an den monochromen Wänden der Ausstellungssäle befestigt. Auch das ist eine Hommage an den temporären Zustand vieler Clubs, die Vergänglichkeit des Feierns und die Augenblicke des Glücks im Schatten der Nacht. Es sind Bilder einer wilden, hedonistischen und planlosen Jugend, die auf der Suche ist nach dem nächsten Kick, einem neuen Flirt oder einem Fragment von Authentizität in einer Welt voller Schein.

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