https://www.faz.net/-gqz-9rufj

Fotoausstellung in Berlin : 750 Jahre im Eimer

  • -Aktualisiert am

Eine ähnlich sezierende Untersuchung der Clubkultur offenbart sich in den fotografischen Arbeiten von Giovanna Silva, die er unter dem Titel „Nightswimming“ zusammengestellt hat. In den sechzehn Fotografien, die von 2014 bis 2016 entstanden sind, bildet er immer nach dem gleichen Schema unterschiedliche Clubs ab: Stets dokumentiert er die zentrale Tanzfläche und das Interieur. Er spielt mit den ausschweifenden Lichteffekten der Lasermaschinen, wodurch Aufnahmen entstanden sind, die den Charakter jedes einzelnen Clubs projizieren.

Von den rot schimmernden Neonröhren und den plastischen Wänden des Watergate Clubs an der Spree, über die mit hellgrünen Fliesen verkleidete Tanzfläche des Ritter Butzke, in dem die meterhohen Soundanlagen eine skulpturale Wirkung entfalten, bis hin zum Poolbecken des Strandbads Wedding, zeigt er die gesamte Vielfalt der Berliner Clubszene und schafft dabei zeitlose Architekturfotografien.

Auch den Insignien der Technoszene gibt die Ausstellung viel Raum. So werden im großen Saal der C/O Gallery Club-Flyer in Vitrinen präsentiert, die für sich kleine grafische Kunstwerke sind. Ebenso bewusst ist der Titel der Schau gewählt, der auf eine besondere Eigenart des Berliner Nachtlebens bezogen ist. Mehrere Fotografien zeigen kleine kreisförmige Aufkleber am Boden. Mit ihnen werden Handykameras abgeklebt, denn in den meisten Berliner Clubs herrscht Fotografieverbot. Eine Praxis, die Räume schaffen soll, die völlig frei von den Zwängen der Realität, gesellschaftlicher Moral und Verurteilungen sind. Auch in den analogen Neunzigern war es in der Berliner Technoszene nicht erlaubt, Fotos von Partys zu machen.

Völlig frei von Zwängen der Realität, Moral und Verurteilung

Es ist diese geistige Haltung, die sich bis heute erhalten hat und wohl auch eines dieser Elemente ist, welches den geheimnisvollen Nimbus vieler Technoclubs der Hauptstadt definiert. Zentrum dieses Kultes im Jahr 2019 ist das Berghain. Wohl kaum ein Club hat es weltweit zu so viel Ruhm gebracht, wie die Kraftwerkshallen am ehemaligen Wriezener Bahnhof im Osten der Stadt. In der Ausstellung wird die sagenumwobene Kathedrale des Techno durch Sven Marquardts und Marcel Dettmanns Installation „Black Box“ repräsentiert: Schwarzweißporträts des Berghain-Publikums und von Fetisch-Partys. Hart und rauh zugleich, angereichert mit Techno-Bässen.

Den Gegenpol dazu stellt die Reihe „Stempelwald“ von Erez Israeli dar. Acht Monate lang besucht der aus Israel stammende Künstler das Berghain, lässt sich nach jeder Nacht die Partystempel tätowieren und fotografiert diesen Prozess. Das Tätowieren erscheint dabei als radikale Aktion, ein inniges Bekenntnis des jungen Israeli zur Clubkultur der deutschen Hauptstadt. Doch auch hier offenbaren sich historische Bezüge: Die tätowierten Ewigkeitszeichen erinnern an die Häftlingstätowierungen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten.

Israeli ist Sinnbild des Zeitgeistes, der Berlin heute ausmacht. Eine kosmopolitische Stadt, in der Menschen verschiedenster Nationen, Religionen und Weltanschauungen zusammenkommen, um sich den sorglosen Vergnügungen der Moderne hinzugeben. So ist diese Ausstellung eine Hommage an Berlin, mit all seinen Brüchen, Divergenzen, der großen Melancholie und Hoffnung, die diese Metropole in sich trägt. So wie es auch Fotograf Martin Eberle ausdrückte: „Es gab keinen Grund, zu glauben, nicht dazuzugehören, man war sicher, einmal, ein einziges Mal, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort zu sein“.

No Photos on the Dance Floor! Im C/O Berlin im Amerika-Haus, Berlin, bis zum 30. November. Der Katalog kostet 36 Euro.

Weitere Themen

Manhattan war selten  so menschlich

Film: „Kindness of Strangers“ : Manhattan war selten so menschlich

Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat ihren neuen Film in New York gedreht: „The Kindness of Strangers“ verbindet die Geschichten von vier Menschen, die in der großen Stadt nach Wärme suchen. Aber der Film findet keine Bodenhaftung.

„Motherless Brooklyn“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Motherless Brooklyn“

„Motherless Brooklyn“, Reg.: Edward Norton. Mit: Edward Norton, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin. Start: 12.12.2019.

Wahrheit ist Mangelware

Britische Wahlen : Wahrheit ist Mangelware

In Großbritannien hat die Wahl zwischen einem Faktenverdreher und einem Eiferer alte Gewissheiten hinweggefegt. Eine Reise in den wirtschaftlich abgehängten Nordosten Englands.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.