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Kunst-Ausstellung : Neo-Barock als Ausdruck unserer Zeit

Eine Archäologie des Albtraums aus Rauch-Zeichen: Das Museum Fundatie im niederländischen Zwolle zeigt den Leipziger Maler Neo Rauch und ermöglicht viele Entdeckungen.

          Windmühlen also. Warum hatte man bisher nicht die auf Neo Rauchs Bildern immer wiederkehrenden Windmühlen gesehen? Es muss erst eine Ausstellung in den Niederlanden stattfinden, damit sie einem mit geschärfter Wahrnehmung auffallen. Im Museum Fundatie in Zwolle ist das der Fall. Die Retrospektive über ein Vierteljahrhundert Schaffen dieses nach Gerhard Richter vielleicht berühmtesten deutschen Malers bietet viele solcher Entdeckungen: „Neo Rauch – Dromos. Malerei 1993–2017“ zeigt mit respektablen fünfundsechzig Gemälden jeweils zwei bis drei Bilder aus jedem der fünfundzwanzig Jahre – auch nie gesehene aus Privatkollektionen in den Vereinigten Staaten oder eben den Niederlanden, wo viele frühe Sammler des Malers sitzen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Ende des Durchgangs durch vier Etagen im umgebauten klassizistischen Justizpalast der Stadt, dessen Dach ein mit fünfundfünfzigtausend Fliesen verkleidetes, querliegendes Surrealismus-Ei bekrönt, ist eines klar: Zentrale Motive tauchen als Wiedergänger immer von neuem auf, die Malweise jedoch und damit auch der Zugriff auf diese Bildelemente hat sich mehrfach fundamental gewandelt. Die wirbelnden Windmühlenflügel etwa, die in „Gefecht“ von 1997 oder „Tal“ aus dem Jahr 1999 aggressiv den Bildraum zerschneiden, scheinen symbolisch die inneren Kämpfe des Künstlers wiederzugeben; zugleich zeigt sich sein fulminantes malerisches Können etwa an der Krippe auf „Tal“, die wirkt, als seien echte Bretter auf die Leinwand genagelt. Über die Jahre erschienen die Mühlenflügel als Andreaskreuze, als den gemalten Himmel zerfliegende Helikopterrotoren (wie in „Randgebiet“ von 2000), als gekreuzte Hochspannungkondensatoren oder als sich überschneidende dunkelbraune Baumkuchen auf den Bildern.

          Vorliebe für klangvoll starke Titel

          Für Rauch ist das Andreaskreuz ein Symbol des Schreckens. Seine Eltern kamen bei einem Eisenbahnunglück ums Leben, weil ein Zugführer das Zeichen übersehen hatte. Als Vollwaise scheint der Maler dieses Trauma in seinen Bildern durch das beständige Aufrufen des Kreuzes bannen zu wollen. Ein biographischer Zugang zu Bildern kann gefährlich sein, weil Künstlerlegenden häufig bewusst auf Irrwege führen. Im Fall von Neo Rauch erscheint dieser Blick unabdingbar, weil dadurch verständlicher wird, warum die meisten Betrachter vor den Bildern mit ihren albtraumhaften Deformationen und verquälten Körpern verstört sind: Der konkrete Schrecken mag ein persönlicher sein, die Bildsprache hingegen ist universell und teilt sich mit ihren Verformungen von Menschen und ihren Körpergliedern in Hirschhornkäfer oder Krebsscheren intuitiv als beunruhigend mit. Zusätzlich ereilte Rauch 2012 ein beinahe tödlich endender Wespenschwarmangriff. Nach diesem Hitchcock-Schock einer feindlich gesinnten Natur häufen sich monochrome Bilder in extrem blassen Farbtönen; als ob die Farbe, die bei Rauch schon immer fehlfarbenfahl war, endgültig aus den Gemälden herausgelaufen wäre und sie wie Samson durch Delila ihre Kraft verloren hätte. Die Fahlheit der Bilder wird allerdings konterkariert durch umso kraftvollere Aktionen der auf ihnen Handelnden.

          Gleich auf dem ersten und frühesten Bild der Ausstellung, dem titelgebenden „Dromos“ von 1993, versinken stark stilisierte Ornamente auf einem blassschrundigen Himmel wie Leuchtkerzen in einem dunklen Meer. Tief unter dessen Oberfläche sind unterseeische Vulkane, „schwarze Raucher“ und Mahlströme auf beunruhigende Weise aktiv. In dieser subterranen Unterwelt erscheint zum ersten Mal der rauchende Vulkan, der fortan ein Wiedererkennungszeichen und eine zweite Signatur des Malers werden sollte. Vor dem Jahr 1993 gibt es offiziell keine Bilder von Neo Rauch, die er zeigen möchte.

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