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Moderne Skulptur in Karlsruhe : Wer um eine leere Mitte tanzt, der tanzt erst richtig

Offen, schwebend, spielerisch: In Andy Warhols Installation „Silver Clouds“ (1966) werden Museumsbesucher zu Mitschöpfern. Bild: dpa

Das ZKM in Karlsruhe feiert die Skulptur der Moderne und Gegenwart – als Raumkunst. Mathematische Modelle laden zum Staunen, Installationen zum Mitmachen ein.

          „Ich gehe von der Leere aus und forme aus ihr meinen Gegenstand“, hat Richard Serra einmal gesagt. Was der Bildhauer damit meinte, zeigen in Karlsruhe zwei monumentale Eisenplatten. Kämpferisch stehen die beiden rostigen Riesendreiecke in der Installation „Siamese“ von 1988 einander gegenüber, aufeinander zielend wie Pfeile. Den leeren Raum zwischen sich setzen sie unter Spannung, mehr noch: Sie schaffen ihn überhaupt erst, indem sie sich aus ihm heraushalten. Und das ist der ebenso simple wie faszinierende, weil seit dem Beginn der Moderne von Künstlern immer neu variierte Grundgedanke der skulpturalen Kunst, den das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe mit seiner Ausstellung „Negativer Raum“ feiert.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mit ihren beinahe zweihundert Ausstellungsstücken, die wahlweise lastend, schwebend oder bewegt, illusionistisch, flüchtig oder massiv die Leere umarmen, durchstoßen oder verdrängen, wirkt die Schau wie eine opulente Rückbesinnung aufs Wesentliche, wie eine kuratorische Zen-Übung jenseits der gerade angesagten Museums-Moden. Sie lässt sich durchmessen wie ein Grundkurs in moderner Skulptur, lädt zum Betrachten ebenso ein wie zum Berühren, Durchschreiten, Sicheinhüllen-Lassen.

          Teufelsharfe dritter Dimension: Henry Moores „Stringed Figure“ von 1938

          Den Auftakt macht eine Auswahl von „Signaturwerken“, die stellvertretend für zwölf Bereiche der Ausstellung stehen, von „Negativen Formen“ über „Hängende Skulpturen“ bis zum „Datenraum“. Wobei die Beziehungen oft nicht ganz eindeutig sind und es auch nicht sein können.

          Ein „Stern“ mit leerer Mitte von Hans Arp, die „Kinetische Konstruktion“ – ein stehender, schwingender Stahlstab von Naum Gabo – und ein Mobile von Alexander Calder gehören zu den einführenden Objekten, die in die verschiedenen Richtungen der Schau weisen. In Wandtexten werden Vordenker wie Adolf Hölzel mit seiner Abhandlung „Über Formen und Massenvertheilung im Bilde“ von 1901 zitiert und künstlerische Ahnen wie Auguste Rodin, von dessen Entwürfen für das Balzac-Denkmal der einen Hohlraum statt einen Körper umhüllende Mantel im Foto zu sehen ist. Rodins Kunstgriff bewies schon: Die Skulptur muss nicht ihren eigentlichen Gegenstand materialisieren, sondern kann diesen als Aussparung sichtbar machen.

          Für Man Ray waren Schatten ebenso wichtig wie reale Kunstwerke. Lászlo Zsolt Bordos Installation „Umbra triplica“  (2019) scheint davon inspiriert.

          Dieses Prinzip lässt sich anhand von Linienskulpturen wie den Drahtgebilden von Norbert Kricke aus den fünfziger Jahren ebenso nachvollziehen wie beim Anblick der von einem Ventilator in flatterhafter Schwebe gehaltenen Magnetband-Schlaufe in Žilvinas Kempinas’ „Flux“ – oder im Schattenwurf eines abwesenden Kunstwerks von Man Ray in Regina Silveiras „Masterpieces in Absence“.

          Kreuz und quer durch die Jahrzehnte geht es in den thematisch geordneten Räumen, die Skala der Formate reicht von Miniaturen bis zu raumfüllenden Installationen. Andy Warhols schwebende Folienpakete „Silver Clouds“ treffen auf aufgeblasene Riesentuben von Yasuiki Onishi („Vertical Volume“, 2019). Fast vergessene Künstler wie Antoine Pevsner, der 1959 immerhin Teilnehmer der Documenta war, werden neben großen Namen wie Henry Moore gezeigt.

          Filigrane Schönheit: Alexanders Calders Mobile „Many back from Rio“ aus dem Jahr 1948

          So lernt man: Ein Raum kann konstruktivistisch beherrscht werden, von Spiegeln vorgetäuscht, als Schallraum erschaffen oder schlicht in seiner Leere ausgestellt. Die Schau führt vor Augen, was zu den Charakteristika der Skulptur des 20. und frühen 21. Jahrhunderts gehört: dass sie offen, mobil, durchlöchert bis zur Immaterialität ist und radikal abstrakt. Das gilt auch noch in den virtuellen Räumen, die sich mit VR-Brillen erkunden lassen, und in den Datenräumen, die unsere Lebensspuren bergen.

          Zu den Höhepunkten aber gehört eine Wunderkammer der Analogie: Ein ganzer Raum ist Sammlungen historischer mathematischer Modelle gewidmet, wie sie in Kursen angewandter Geometrie an Universitäten entstanden. Solche Objekte faszinierten die Surrealisten, wie von Man Ray 1943 aufgenommene Fotos von Objekten beweisen, die am Institut Henri-Poincaré in Paris entstanden waren. Und sie beflügelten die Entwicklung der abstrakten Skulptur des zwanzigsten Jahrhunderts. Seite an Seite mit Arbeiten von Rudolf Belling, Alexander Rodtschenko und anderen ausgestellt, verwischt die Grenze zwischen Kunst und Mathematik.

          Es gibt viel zu entdecken oder besser: wiederzuentdecken in „Negativer Raum“. Die klug zusammengestellte, hochkarätig besetzte und kurzweilig arrangierte Ausstellung zeigt nichts nie Gesehenes, sondern lädt zur bewussten Neubetrachtung ein. Wer sich darauf einlässt, verlässt Karlsruhe mit einem ganz neuen Raumgefühl.

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