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Mumien-Ausstellung in Basel : Versteinert und melancholisch lächelt der Frosch

  • -Aktualisiert am

Das Naturhistorische Museum in Basel zeigt mumifizierte Menschen und Tiere. Ägypten spielt hier nur eine Nebenrolle. Und die vielen Katzenmumien haben einen besonderen Grund.

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          Einfrieren: Der Weg beginnt mit einem ästhetischen Schock. Unter wandhohen Gletscherbildern verharren in Glasvitrinen fahlfarbene Gebirgstiere in expressiven Gesten. Ein junger Steinbock, den schmalen Kopf mit den Hörnern zur Brust geneigt, die fleischlosen Vorderbeine grazil zu den Hinterbeinen gebogen. Eine Gemse, den Hals nach hinten überdreht, die peitschendünnen Gliedmaßen wie in übertriebenem Sprung weit von sich gestreckt. Auf einmal scheint man in eine Ausstellung moderner Skulpturen geraten zu sein. Aber dies hier ist keine Kunst. Es ist der kleine Tiertod, dem Eis und Schnee in Regionen des Permafrosts Metamorphosen aufgezwungen haben. Tierphysiognomien bizarr gedreht, Becken blütenhaft geöffnet, Münder wie träumend geschlossen oder gespannt wie im Schrei, die langen Zähne gefletscht, ein surreales Memento mori theatralischer Magerkeit.

          Wenn wir an Mumien denken, fällt uns das alte Ägypten ein, die Welt der Pharaonen. Dabei gibt es neben dem menschlichen Versuch, den Verwesungsprozess aufzuhalten und einer Leiche schöne Ewigkeit zu verleihen, die Arbeit der Natur, die auf vielfältige Weise mumifizierend tätig ist. Sie kann einfrieren, aber auch einbetten. Einen Raum weiter, hier herrscht nun dunkles Licht, liegen Insekten im Honigton des Bernsteins. Dabei auch die kleine Anolis-Echse, verstorben vor zwanzig Millionen Jahren. In anderer Weise ist das sauerstofffreie Moor mit den Gerbstoffen, die die Wasserpflanzen abgeben, ein Milieu, in dem Tote Jahrhunderte überdauern. Basel zeigt das berührende „Paar von Weerdinge“ aus einem holländischen Hochmoor. Die Knochen und Muskeln der Toten wurden aufgelöst. Was blieb, sind die weichen Formen ihrer flachen Hautschläuche mit Resten von inneren Organen, Kopfhaaren. Als Torfstecher die beiden beieinanderliegenden Leichen 1904 fanden, gingen sie von einer Frau und einem Mann aus. Bis spätere Untersuchungen auch bei der zweiten Leiche Bartstoppeln entdeckten.

          Mumienpulver in der Apotheke

          Das Gegenteil von Moorleichen, die im Feuchten überdauern, wären Mumien, die durch Austrocknen entstehen. Ihre Reiche sind kühle, trockene Höhlen mit Luftzirkulation oder Wüstenregionen, deren Sand einen hohen Salzgehalt aufweist. Für natürliche Mumifizierung eignen sich zudem Keller oder Dachböden. In einem schwarz gehaltenen Saal sehen wir den eingesalzenen Drückerfisch aus Oman, einen getrockneten Wüstenfuchs (noch mit Tasthaaren), eine Hyäne aus Lavahöhlen in Jordanien. Und einen versteinerten Frosch. Er ist die einzige versteinerte Mumie dieser Art, von der wir wissen. Mit großen Augen, dunklen Pupillen und einem fast lächelnden Maul schaut er uns ein wenig melancholisch an, aus einer Welt, die es vor rund vierzig Millionen Jahren gegeben hat.

          Unter den Frettchen, Fledermäusen, Eichhörnchen, Ratten in der Ausstellung sind auffallend viele Katzenmumien zu sehen. Meist fand man sie bei Renovierungsarbeiten in alten Häusern. Sie öffnen ein Fenster von Magie und Abwehrzauber, wurden Hexen doch oft mit Katzen assoziiert. So sollte eine (meist lebendig) eingemauerte Katze das Haus vor bösen Einflüssen schützen. Das Mauerwerk, mit Rinderknochen oder -füßen verstärkt, versprach - im Analogiezauber - besonders dauerhaft zu sein. Der Glaube an die Kraft der Mumie ging weiter. Noch bis 1920 konnte man in Basler Apotheken „Mumia vera“ kaufen, ein sündhaft teures, als lebensverlängernd gepriesenes Pulver, das aus ägyptischen Mumien hergestellt wurde. Wer sich diese Medizin nicht leisten konnte, durfte es mit „Mumia vulgaris“ versuchen, einer Substanz aus den Leichen frisch Hingerichteter. Je jünger sie im Moment des Todes waren, umso größer sollte ihre Wirkung sein.

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