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Ausstellung in Eisenach : Wie hat Johann Sebastian Bach ausgesehen?

  • -Aktualisiert am

Mit Sicherheit Johann Sebastian Bach: Gemälde von Elias Gottlob Haußmann (1695 – 1774), 1746 Öl auf Leinwand, 78 x 61 cm Eigentum: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig Bild: Bachhaus Eisenach

Schaute er mürrisch, behäbig und verkniffen in die Welt? Oder doch vom göttlichen Funken der Genialität durchzuckt? Das Bachhaus in Eisenach präsentiert eine amüsante Schau von Überraschungen und Fehleinschätzungen.

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          Heinrich Besseler, Schüler Martin Heideggers und bis zu seiner Emeritierung 1965 Direktor des musikwissenschaftlichen Instituts Leipzig, war alles andere als ein wissenschaftlicher Heißsporn. Wenn er 1956 ein Buch über „Fünf echte Bildnisse Johann Sebastian Bachs“ in die Welt setzte – kurze Zeit später fand noch ein weiteres der umlaufenden Porträts Gnade vor seinen kritischen Augen –, dann war das wohl überlegt und gewogen. Pech nur für den Gelehrten: seine mit wollüstiger Gründlichkeit beschriebenen Treffer (die Schrift umfasst 99 Seiten und bringt ein knappes Pfund auf die Waage) waren aus heutiger Sicht allesamt Fehlanzeigen.

          Da hatte sich also auch ein Mann von wissenschaftlichem Renommee vergaloppiert – freilich auf einem Feld, das schon seit der Bach-Renaissance des neunzehnten Jahrhunderts ausgesprochen spekulationsträchtig war. Wenn man den zirzensischen Kapriolen der Bach-Ikonographie nachgeht, offenbart sich hinter all den abenteuerlichen Entdeckungs- und Provenienzgeschichten, wilden Zu- und Abschreibungen eine geradezu schmachtende Sehnsucht: sich von diesem Großgenie der Musikgeschichte im direkten Wortsinne ein Bild machen zu dürfen, das uns mehr über den Mann erzählen kann als jenes 1746 entstandene Porträt von der Hand Elias Gottlob Haußmanns, das sich heute im Leipziger Alten Rathaus befindet. Was gut verständlich ist, weil gerade dieses einzige Bach-Bildnis, für das der Künstler zweifelsfrei Modell saß, nach diversen Besitzerwechseln, Beschädigungen durch „Wurfgeschosse der mutwilligen Jugend“ – es hing fast ein Jahrhundert lang in der Thomasschule – und einigen fragwürdigen Restaurierungen einen soßig getönten, mürrisch-lethargischen Bach präsentiert, mit dem man nicht unbedingt auf metaphysische Reisen zu den letzten Dingen gehen möchte. Deswegen hilft es bei dem fleißig routinierten Porträt-Massenarbeiter Haußmann auch wenig weiter, dass von dessen Halbfigurenstück jahrzehntelang immer wieder Kopien oder Varianten in Öl, Kupfer und anderen Techniken abgenommen worden sind, die zumindest erhaltungstechnisch mehr hergeben als das Urbild: Der göttliche Funke will trotzdem nicht fliegen.

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