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Ausstellung über Mary Quant : Dauercocktailparty in der King’s Road

Alles so schön bunt hier: Mary Quant (im Vordergrund sitzend) führt 1967 mit ihren Models die neue Schuhkollektion vor. Bild: PA Archive/PA Images

Karo, Mini, Bubi: In den fünfziger Jahren ließ Mary Quant ihre Herkunft komplett hinter sich, um ihren Traum zu verwirklichen: Mode zu machen. Wie die Designerin den Stoff der Freiheit webte, zeigt nun eine Londoner Ausstellung.

          Mary Quants Eltern, beide Lehrer, die es durch Fleiß geschafft hatten, das ärmliche Leben der walisischen Bergarbeitergemeinden ihrer Herkunft hinter sich zu lassen, waren absolut dagegen, dass ihre Tochter sich den von Kind auf gehegten Traum verwirklichte, Mode zu machen. Im Nachhinein hat die Designerin, deren Stil zum Inbegriff der Swinging Sixties wurde, diesen Widerstand als Glück empfunden. Hätte sie ihren Willen bekommen, wäre sie, wie damals an den Modeschulen üblich, nach Paris gegangen, um zu lernen, die Haute-Couture-Kollektionen für die Massenproduktion umzumodeln. Stattdessen einigte sie sich mit den Eltern darauf, eine Kunstschule zu besuchen, wie sie in ihren Erinnerungen erzählt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Besonders abfällig äußert sie sich darin über den „unmöglich extravaganten“ und für das alltägliche Straßenleben unpraktischen „New Look“ von Christian Dior, von dem sie meint, er habe damit in Wahrheit den Niedergang der Pariser Vorherrschaft in der Mode beschleunigt. Mit ihrer Begeisterung für das Neue sah Mary Quant den „New Look“ als Ausdruck einer Sehnsucht nach vergangenen Vorstellungen weiblicher Schönheit. Sie konnte sich den spitzen Hinweis nicht verkneifen, dass dahinter auch der Wunsch gestanden habe, mehr Stoff zu verkaufen, schließlich sei das Haus Dior von dem Baumwollfabrikanten Marcel Boussac finanziert und geführt worden. Kurzum, die edlen Schöpfungen von Dior standen für alles, wogegen die betont im Hier und Heute lebende Britin mit ihrer jugendlichen, androgynen und egalitären Mode stand.

          Viel mehr als eine Boutique

          Umso aufschlussreicher ist es, dass sich jetzt im Londoner Victoria and Albert Museum der Rückblick auf die kreativsten Jahre von Mary Quant mit der großen Schau über das Haus Dior überschneidet. Hippe Konfektion aus der Wiege der Popkultur trifft auf die luxuriöse Verfeinerung der Haute Couture, frecher, zwangloser Schick für die emanzipierte berufstätige Frau auf damenhafte Förmlichkeit. Das findet freilich auch in der Inszenierung der jeweiligen Retrospektiven seinen Ausdruck. Statt der opulenten Kulissen für die Modelle von Dior sind die Vitrinen, in denen Mary Quants schulmädchenhafte Nadelstreifenkleider, karogemusterte Pullover und Miniröcke mit atmosphärischem Archivmaterial präsentiert werden, den witzigen, dadaistischen Schaufenstern der Boutique „Bazaar“, nachempfunden, die sie 1955, im Jahr nach der Aufhebung der Rationierung, mit ihrem Ehemann Alexander Plunket Greene und dem unkonventionellen Unternehmer Archie McNair an der Londoner King’s Road eröffnete.

          Abwechslug bei gleicher Länge: Minis in der Mary-Quant-Ausstellung Bilderstrecke

          Bazaar war viel mehr als eine Boutique. Das Geschäft spiegelte die ästhetischen und soziokulturellen Verschiebungen, die Mary Quant mit ihren Kleidern visualisierte. Dort und in dem Restaurant, das McNair im Keller eröffnet hatte, versammelte sich die Londoner Nachkriegsboheme zu einer Art Dauercocktailparty, bei der die Grenzen zwischen geselligem Beisammensein und Verkauf verwischt und die Ladenschlusszeiten überschritten wurden, bis die Behörden eingriffen. Ähnlich wie die 1961 gegründete satirische Zeitschrift „Private Eye“, die Fernsehsendung „That was the week that was“ und die Lieder der Beatles machte sich die Schaufensterdekoration eine besondere Art der subversiven britischen Ironie zu eigen, die damals in der Luft lag. Die effekthaschenden Installationen nahmen die spätere Werbung vorweg, durch die sich die Marke mit dem Gänseblümchen-Logo in den sechziger und siebziger Jahren neben traditionellen Wahrzeichen wie dem Doppeldecker oder dem „Bobby“ als Inbegriff einer frischen, lockeren Variante von Britishness anpries. Der Snobismus sei aus der Mode gekommen, erklärte Mary Quant, „in unserem Laden rangeln sich Herzoginnen mit Büromädchen um dasselbe Kleid“.

          Wie die Ausstellung veranschaulicht, ergänzten sich die Vision und das aufsässige Talent der schüchternen Lehrerstochter vortrefflich mit dem aristokratischen Flair ihres für die Vermarktung zuständigen Ehemannes und dem Geschäftssinn von McNair. Anfangs führte Bazaar eine „Bouillabaisse von Kleidern und Accessoires“, wie Mary Quant es formulierte, hier und da eingekaufte Stücke nach ihrem Geschmack. Nach und nach kamen selbstgenähte Entwürfe dazu, die ihr eigenes Bedürfnis nach erschwinglichen Kleidern erfüllte, in denen man die Nächte durchtanzen und die Tage durcharbeiten konnte.

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          Mit den A-Linien signalisierte ihre Mode die Abkehr von der sanduhrförmigen Silhouette und den steifen Konventionen der Muttergeneration, so wie die Strumpfhose und die praktische Vidal-Sassoon-Bubifrisur, die Mary Quants elfisches Gesicht rahmte, lästige Straps und Lockenwickler überflüssig machten. Bestandteil des mädchenhaften Stils waren die Materialien. Die Verwendung von Herrenstoffen für Frauenbekleidung und von Kunststoffen wie PVC war ebenso emblematisch für die Umarmung von Fortschritt und Moderne wie die immer höheren Säume, die sichtbaren Reißverschlüsse, die poppigen Farben und die Vorliebe für Hosen – in einer Zeit, da Etablissements wie das Restaurant des Nobelhotels Claridge’s Frauen in Hosen so wenig zuließen wie Herren ohne Krawatte. Damals wurden die Kehrseiten von Massenproduktion und Plastik freilich noch nicht bedacht und in der Ausstellung nicht thematisiert. Ebenfalls verschweigen wird die wirtschaftliche und politische Misere der siebziger Jahre, als Britannien nach dem kurzen Nachkriegsaufschwung in die Rolle des kranken Mannes Europas fiel und sich in dem gleichen Für und Wider Europa verfing wie jetzt.

          Ein Element des Rundumbildes

          Mary Quant ging es nicht bloß um Äußerlichkeiten. Die Kollektionen für die verschiedenen unter Lizenz produzierten Labels verkörperten eine Lebenseinstellung, die sie durch die Gesamtheit ihres von Unterwäsche über Schminke und Schuhe bis hin zu Bettwäsche, Einrichtungsgegenständen und Ankleidepuppen reichenden Angebots vermittelte. Der Minirock, den, wie die Ausstellung hervorhebt, nicht Mary Quant, sondern der französische Designer Courrèges „erfunden“ hat, war nur ein Element des Rundumbildes.

          Zur Vorbereitung der Retrospektive hat das Museum einen öffentlichen Aufruf, #WeWantQuant, lanciert, um eine möglichst breite Palette darstellen zu können. Mehr als tausend Menschen meldeten sich mit allerlei Material. Daraus erfolgten rund vierzig Neuerwerbungen für die Sammlung, von denen einige Kleider zusammen mit Fotos aus der Zeit und Erläuterungen der ehemaligen Trägerinnen über die persönliche Bedeutung dieser Stücke ausgestellt sind. Die Zeugnisse bekräftigen die Devise der bald neunzigjährigen Mary Quant, wonach Mode keine Frivolität ist, sondern Bestandteil des „Heute-am-Leben-Seins“.

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