https://www.faz.net/-gqz-9ltfd

Ausstellung über Mary Quant : Dauercocktailparty in der King’s Road

Wie die Ausstellung veranschaulicht, ergänzten sich die Vision und das aufsässige Talent der schüchternen Lehrerstochter vortrefflich mit dem aristokratischen Flair ihres für die Vermarktung zuständigen Ehemannes und dem Geschäftssinn von McNair. Anfangs führte Bazaar eine „Bouillabaisse von Kleidern und Accessoires“, wie Mary Quant es formulierte, hier und da eingekaufte Stücke nach ihrem Geschmack. Nach und nach kamen selbstgenähte Entwürfe dazu, die ihr eigenes Bedürfnis nach erschwinglichen Kleidern erfüllte, in denen man die Nächte durchtanzen und die Tage durcharbeiten konnte.

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

Mit den A-Linien signalisierte ihre Mode die Abkehr von der sanduhrförmigen Silhouette und den steifen Konventionen der Muttergeneration, so wie die Strumpfhose und die praktische Vidal-Sassoon-Bubifrisur, die Mary Quants elfisches Gesicht rahmte, lästige Straps und Lockenwickler überflüssig machten. Bestandteil des mädchenhaften Stils waren die Materialien. Die Verwendung von Herrenstoffen für Frauenbekleidung und von Kunststoffen wie PVC war ebenso emblematisch für die Umarmung von Fortschritt und Moderne wie die immer höheren Säume, die sichtbaren Reißverschlüsse, die poppigen Farben und die Vorliebe für Hosen – in einer Zeit, da Etablissements wie das Restaurant des Nobelhotels Claridge’s Frauen in Hosen so wenig zuließen wie Herren ohne Krawatte. Damals wurden die Kehrseiten von Massenproduktion und Plastik freilich noch nicht bedacht und in der Ausstellung nicht thematisiert. Ebenfalls verschweigen wird die wirtschaftliche und politische Misere der siebziger Jahre, als Britannien nach dem kurzen Nachkriegsaufschwung in die Rolle des kranken Mannes Europas fiel und sich in dem gleichen Für und Wider Europa verfing wie jetzt.

Ein Element des Rundumbildes

Mary Quant ging es nicht bloß um Äußerlichkeiten. Die Kollektionen für die verschiedenen unter Lizenz produzierten Labels verkörperten eine Lebenseinstellung, die sie durch die Gesamtheit ihres von Unterwäsche über Schminke und Schuhe bis hin zu Bettwäsche, Einrichtungsgegenständen und Ankleidepuppen reichenden Angebots vermittelte. Der Minirock, den, wie die Ausstellung hervorhebt, nicht Mary Quant, sondern der französische Designer Courrèges „erfunden“ hat, war nur ein Element des Rundumbildes.

Zur Vorbereitung der Retrospektive hat das Museum einen öffentlichen Aufruf, #WeWantQuant, lanciert, um eine möglichst breite Palette darstellen zu können. Mehr als tausend Menschen meldeten sich mit allerlei Material. Daraus erfolgten rund vierzig Neuerwerbungen für die Sammlung, von denen einige Kleider zusammen mit Fotos aus der Zeit und Erläuterungen der ehemaligen Trägerinnen über die persönliche Bedeutung dieser Stücke ausgestellt sind. Die Zeugnisse bekräftigen die Devise der bald neunzigjährigen Mary Quant, wonach Mode keine Frivolität ist, sondern Bestandteil des „Heute-am-Leben-Seins“.

Weitere Themen

Die große Show

Lagerfelds Modenschauen : Die große Show

Karl Lagerfeld baute Chanel-Schauen zu Gesamtkunstwerken aus. Möglich machten es Luxusboom, Eventisierung, Instagram-Marketing und sein Gespür. Und nun suchen alle die besten Locations.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.