https://www.faz.net/-gqz-11pbb

Ausstellung: Man Son 1969 : Der Mann mit den Mädchen

  • -Aktualisiert am

Vierzig Jahre Achtundsechzig wären rum; jetzt kommt: vierzig Jahre Neunundsechzig. Ein ereignisreiches Jahr, das von den Mordtaten der Manson Family überschattet ist. Wen hat Manson alles auf dem Gewissen? Eine Ausstellung in Hamburg zeigt: eine ganze Epoche.

          5 Min.

          Vierzig Jahre Achtundsechzig wären rum; jetzt kommt: vierzig Jahre Neunundsechzig. Das hat, könnte man so sagen, eine gewisse Folgerichtigkeit. Und 1969 kam ja auch eine Menge zusammen: Woodstock und Altamont zum Beispiel, das wiedertäuferische Schlammbad der sogenannten Blumenkinder und das Festival, bei dem ein Fan der Rolling Stones von einem Ordner der Hells Angels erstochen wurde. Es war das Jahr, in dem der erste Mensch den Mond betrat - und drei Wochen später betraten, ebenfalls wie Wesen von einem anderen Stern, vier Todesengel aus dem Clan des Sektenführers Charles Manson die Villa des Regisseurs Roman Polanski am Cielo Drive in Los Angeles und massakrierten unter anderem dessen Ehefrau, die Schauspielerin Sharon Tate.

          Währenddessen tickte aus den amerikanischen Fernsehern weiterhin der offizielle „Body Count“ mit den Zahlen der Toten aus Vietnam. Aber die Mordopfer von Kalifornien stehen über jeder Statistik, in ihnen treffen sich Pop und Prominenz, Revolte und Gegenkultur, Drogen, Sex, Politik und musikuntermalte Gewaltexzesse; sie wurden mythisch überhöht, und das heißt natürlich: individuell erniedrigt zu historisch irgendwie notwendigen Opfertieren einer kultischen Entbergung, nämlich der des ungeahnten Schreckens, welcher 1969 hinter dem Gebüsch aus Blumen, Hanf und Haaren hervorblitzte. 1969, heißt es immer, sei das Jahr gewesen, in dem etwas umkippte, abhob, die Unschuld verlor. Inwieweit sich aber das schreckliche '69 zum revolutionären '68 ähnlich oder ganz anders verhält wie etwa 1793 zu 1789: Das wäre nur eine der Fragen, die es eigentlich rechtfertigen müssten, darüber eine Ausstellung zu machen, wie sie jetzt in der Hamburger Kunsthalle eröffnet wurde.

          Er wird überall angerufen

          Sogar die Prätention, die aus einem Namen wie „Man Son 1969 - Vom Schrecken der Situation“ tropft, ist dabei nichts als strenge Sachbezogenheit: So, als „Menschensohn“, bezeichnete sich Manson selber, und so wird er ja auch bis heute memoriert - als satanischer Messias, als ein Zentralgestirn dessen, was andere langhaarige böse Männer später einmal als „südlich des Himmels“ bezeichnen würden. Sein Name ist tief ins Fleisch der Popkultur tätowiert, er wird angerufen in ungezählten Liedern, Filmen, Büchern, auf Websites, Bildern, in Heiner Müllers „Hamletmaschine“ - warum also nicht gleich im Museum? Es geht letztlich um Hagiographie und Mythenpflege, lange Jahrhunderte das Kerngeschäft der Kunst. Und dass sich von den Futuristen über die Situationistische Internationale eine direkte Spur des Intensitätsrausches bis in das Attentätertum der RAF hineinzieht, das ist eine These, welcher der Philologe Thomas Hecken vor zwei Jahren sogar eine eigene Studie über „Avantgarde und Terrorismus“ gewidmet hat.

          Wenn das aber die Voraussetzungen sind, wenn das Thema derart reich ist und die Kunst dazu zumindest nicht durchgängig von den schlechtesten Eltern: Woher kommt dann der eigentümliche Eindruck des Verkorksten in dieser Ausstellung?

          Mit Fleischmessern . . .

          Weitere Themen

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.
          Das Unterhaus voller Schimpansen: Ein Unbekannter erstand das Gemälde für 9,44 Millionen Euro

          Banksy und der Kunstmarkt : Inkognito in aller Munde

          Anfang Oktober wurde ein Gemälde Banksys für eine Rekordsumme versteigert. Doch wie verdient der anonyme Streetart-Künstler sein Geld? Und wie kommt seine Kunst auf den Markt?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.