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Liebermann/Ury-Schau in Berlin : Die Kakophonie der Großstadt

Man meint, das Rauschen des Regens zu hören: Lesser Urys Gemälde „Hochbahnhof Bülowstraße“ (1922). Bild: Grisebach

Max Liebermann und Lesser Ury waren miteinander verfeindet. Beide Maler fassten Berlin ins Bild, bei Tag und Nacht. Die Villa Liebermann zeigt jetzt ihre Stadtansichten und lässt beiden Gerechtigkeit widerfahren.

          Wer die Berliner Nachtbilder von Lesser Ury mit unaufmerksamen Augen betrachtet, könnte meinen, hier sei eine Bauzeichnung in einen Farbeimer gefallen. Rasiermesserscharf, mit dem Pinselstiel gezogen, durchschneiden die Gleise der Pferdestraßenbahn die Bildmitte, durch die der Droschkenkutscher in „Berlin bei Nacht“ von 1889 sein Pferd auf den Maler zutreibt. Auch an den lotrechten Hausfassaden und auf den Trottoirs sind Fluchtlinien eingeritzt, die sich hinter der Kutsche vereinen. Selbst der Regen, den die Kutschenräder aufwühlen, scheint sich auf dem Straßenpflaster in orthogonalen Wellen auszubreiten. Das Licht der Gaslaternen, das in breiten Bahnen vertikal über die Szene fällt, ergänzt das Wellenmuster zum perfekten Rasterbild.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sonst aber ist alles Schaum und Schimmer in Lesser Urys Berliner Nacht. Im aufstiebenden Wasser verschwimmen die Lampen zu Schemen, die Passanten unter ihren Regenschirmen zu Schatten am Rand des Gemäldes. Man meint das Rauschen zu hören, das Rasseln der Räder, das Klappern der Schuhe auf den Pflastersteinen. Die Großstadt wird in „Berlin bei Nacht“ zum Aperçu, zum gemalten Schnappschuss, und der Impressionismus, der dem Berliner Lebensgefühl so fremd scheint in seiner verspielten Leichtigkeit, hat endlich sein Sujet gefunden. Die Reichshauptstadt taucht aus den Extremen der Palette wie Venus aus den Fluten, Schwarz, Grau und Dunkelblau mischen sich mit metallischem Weiß, dazwischen Tupfer von Honiggelb. Das Bild ist die Ankunft Berlins in der malerischen Moderne. Damals, 1889, wurde es verhöhnt.

          Alle paar Jahre wird es Zeit, das unterschätzte Genie Lesser Ury noch einmal zu entdecken. Die Ausstellung in der Liebermann-Villa am Wannsee bietet dazu eine gute Gelegenheit. Auf den ersten Blick stellt sie Stadtansichten von Ury und Max Liebermann einander gegenüber. Tatsächlich ist es Urys Malerei, die hier präsentiert wird, umrahmt von einigen Bildern und Zeichnungen Liebermanns. Die wichtigsten sind vier Pastelle, die der Hausherr zwischen 1900 und 1918 beim Blick aus den Fenstern seiner Stadtwohnung am Brandenburger Tor gemalt hat. Das letzte zeigt die Rückkehr der geschlagenen deutschen Truppen am Ende des Ersten Weltkriegs. Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument, weil es die offizielle Legende vom unbesiegten Feldheer der Lüge überführt. Als graue Haufen fluten die geschlagenen Truppen über den Pariser Platz. Kein Fahnenmeer, keine Jubelrufe. Der Sturm verweht die Flaggen, die Menschen stehen schweigend am Straßenrand.

          Aber schon die Tiergartenbilder daneben zeigen, dass Liebermann nicht der Großstadtmaler ist, zu dem ihn die Ausstellung machen will. Statt ihre Steinmassen zu bannen, träumt er sich mit dem Pinsel aus der Metropole heraus. Paare, Mütter mit Sonnenschirm und Gouvernanten mit ihren Schützlingen flanieren in den Alleen wie Watteaus Liebesjünger auf dem Weg nach Kythera. Die Schlittschuhläufer auf den Eisflächen um die Rousseau-Insel könnten auch bis Holland gleiten. Der Königsplatz mit angeschnittener Siegessäule verströmt südliches Flair.

          Max Liebermann Blick aus dem Wohnzimmerfenster des Künstlers auf den Tiergarten nach Südwesten, 1900.

          Ganz anders Lesser Ury. In seinen Straßenszenen erscheint Berlin zum Appell wie eine marschbereite Armee. Selbst wenn er im Tiergarten malt, wie in der Abendskizze der Vergnügungsmeile „In den Zelten“, scheint der Boden vom Dröhnen der Motoren zu vibrieren. Das Reiterstandbild Friedrichs des Großen Unter den Linden schwankt wie eine Pflanze im Orkan der Stadt. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, gesehen vom Café Kranzler, verliert sich als dunkler Fleck im Zittern der Scheinwerfer. Während Liebermann beim Arbeiten das Grün des Parks vor Augen hat, fällt Urys Blick aus seinem Atelier auf die U-Bahnstation am Nollendorfplatz. Deren Kuppelbau ist das Königsschloss seiner Kunst. Wieder und wieder malt er die überdachte Bahntrasse, in Nebel und Regen, umlagert von Taxen, umbraust vom Verkehr. In der „Nachtstimmung“ von 1918 hat die Kutsche ihren letzten Auftritt unter der Rauchfahne einer fauchenden Dampflok. Das Pastell „Potsdamer Platz“, entstanden 1925, blickt schon vom Balkon des Impressionismus in Richtung Sachlichkeit. Die Autos im Vordergrund, typengenau gezeichnet, und der berühmte Verkehrsturm wirken wie aus Magazinen kopiert, die gelben Busse dahinter wie Holzklötze, das Ganze wie ein Gedicht von Gottfried Benn.

          Lesser Ury Nächtliche Straßenszene (Leipziger Straße, Berlin), 1920.

          Urys Talent ist, wie das vieler Künstler, nicht langsam gereift, sondern explodiert. Als er 1887 nach Studienjahren in Düsseldorf, Brüssel und Paris nach Berlin zurückkehrt, ist sein Stil fertig entwickelt. Nie hat er besser gemalt als in den Jahren danach, wie neben „Berlin bei Nacht“ auch die „Straßenszene (Leipziger Straße)“ mit ihrem Mosaik aus Gischt und Dunkel beweist. Die Meinungsführer der wilhelminischen Kritik taten Urys Nachtkunst als Effekthascherei ab, nur der greise Menzel verteidigte den jungen Maler. Dreißig Jahre später holte der Erfolg den Geschmähten ein. Jetzt wollte jeder seine Straßenszenen haben. Um die Gier der Käufer zu befriedigen, holte Ury die alten Bildmuster wieder hervor und aktualisierte sie nach dem Geschmack der Zeit: Er kürzte die Röcke der Frauen, ersetzte Pferde- durch Motordroschken und tauchte die Straßen in elektrisches Licht. Als er starb, war er auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Eine Ausstellung zu Urys siebzigstem Geburtstag wurde zur postumen Ehrung.

          Liebermann, der nach einem Zerwürfnis in den achtziger Jahren mit Ury verfeindet war, konnte den Aufstieg seines Konkurrenten nicht verhindern. Dennoch überstrahlt sein Name bis heute das Werk von Lesser Ury. Die Ausstellung in der Liebermann-Villa ist deshalb auch ein Akt verspäteter Gerechtigkeit. Und eine Einladung ins nächtliche, laute, verregnete und weltstädtische Berlin.

          Max Liebermann und Lesser Ury. Zweimal Großstadt Berlin. Liebermann-Villa am Wannsee, bis 26. August. Der Katalog kostet 18 Euro.

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