https://www.faz.net/-gqz-6k2ps

Ausstellung: „Leib und Seele“ : Unter dem Berührungszauber

  • -Aktualisiert am

Neue Konzeption im altbewährten Haus: Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ergründet in der Ausstellung „Leib und Seele“, was wir Menschen von uns halten. Der Totenschädel spielt dabei eine zentrale Rolle.

          Das große Hamburger Museum, das neuerdings MKG heißt, hat sich oft schwergetan mit seinem Namen, der „Kunst und Gewerbe“ in einen musealen Topf wirft, was zu manchem Grenzstreit mit der „Kunsthalle“ Anlass bot und bei der Öffentlichkeit der Kaufmannsstadt mitunter falsche Erwartungen erweckte. Das dürfte sich geändert haben. Längst ist die große Zeit der Staffeleimalerei einem entgrenzten Kunstbegriff gewichen, der die Gemäldegalerien für die Capricen einer marktkonformen Künstlerkunst benutzt, für die der Mensch bestenfalls ein bizarres Schaustück ist. Dabei geriet seine Rolle als Urheber von Kunst und Gewerbe an den Rand. Darauf hat Sabine Schulze, die das MKG seit zwei Jahren leitet, mehrmals hingewiesen. Sie sitzt in einer riesigen Baustelle, was die Verlockung einschließt, an die Wurzeln der Sammlungsbestände zu gehen, um dort den Menschen als Hersteller und Nutzer neu zu entdecken, der sich im Kunstwerk seine Welt vergegenständlicht, ehe er es ästhetischen Maßstäben unterwirft.

          In der Welt der Geräte und der materiellen Daseinsgestaltung ist artistische Selbstdarstellung - ein spätzeitliches Thema - weniger gefragt als die Erweckung und Befriedigung bestimmter Lebensbedürfnisse. Um das zu erfahren, bietet die Ausstellung „Body and Soul“ einen überzeugenden Anlass, denn sie zeigt Artefakte nicht in ihrer Selbstbezüglichkeit, sondern als anschaubare Metaphern und Begleitstimmen von Wertvorstellungen.

          Menschenbilder aus vier Jahrtausenden

          Äußerer Anstoß ist die Eröffnung des großzügigen neuen Eingangsbereichs, den die Hamburger Hermann Reemtsma Stiftung „ermöglichte“, wie die landesübliche Untertreibung lautet. Der Senat hat sich bedankt, zugleich aber kommentarlos hingenommen, dass noch immer erhebliche Teile der Sammlung der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind, da die Mittel für die Erneuerung der Schauräume fehlen.

          Die Ausstellung zeigt „Menschenbilder aus vier Jahrtausenden“ - besser: Menschen, denn es gibt keine Gemälde. Kunsthistorische Schubladenbegriffe werden nicht bemüht, aber auch keine visuelle Überwältigung im Sinne von Malraux' „Musée imaginaire“ versucht. Acht Kapitel ordnen das Material und geben ihm eine dialektische Struktur: Geburt - Tod, Leidenschaft - Verehrung, Schönheit - Individualität, Spiel - Kampf. Die Schönheit dient nicht mehr als dominierender Selbstwert, sondern muss sich als Gegenentwurf zur Individualität behaupten. Diese wieder lässt sich, wie Hogarth und Chodowiecki zeigen, auf keine Norm bringen. So verhält es sich in unserem heutigen Urteil mit jedem der acht Themen: Sie sind offen für Kontaminationen. Wäre es nicht angezeigt, den allgemeinen Normenverzicht auf einen Begriffsnenner zu bringen, der Form- und Sachinhalt behutsam miteinander verschränkt? Ich denke an die „significant form“ von Clive Bell, denn sie berücksichtigt die Kategorie des autonomen Formereignisses, bezieht es aber auf bestimmte Aussagen und Zwecke, also auf die Umstände, in denen der Mensch sich den Herausforderungen seiner Existenz stellt: als verkrüppelter ägyptischer Bettler, als Schattenboxer (Vito Acconci), als Verborgener hinter einer No-Maske oder im Schmuck eines gestickten Taufkleides. Helden stehen neben Statisten, Halbgötter neben ihren Herausforderern, selbstbewusste tätowierte Nacktheit neben deren inszenierter Schaustellung in gefesselter Pose (Nabuyoshi Araki).

          Schönheit als Gegenentwurf zur Individualität

          Weitere Themen

          Individualist aus dem Unterholz

          Zum Tode von Robert Spaemann : Individualist aus dem Unterholz

          Als öffentlicher Intellektueller verschaffte er christlichen Positionen Resonanz, weil er keinen amtskirchlichen Jargon verwendete. Eine Kindheitserinnerung erschließt sein Denken: Zum Tode des Philosophen Robert Spaemann.

          Neue Helden Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Spiderman - A New Universe“ : Neue Helden

          Schon wieder Spiderman? - Ja, aber anders. Es geht um die großen Themen, wie immer. Aber die Erzählweise hat sich geändert. Wie das geht und ob sich das auszahlt, hat Elena Witzeck analysiert.

          Topmeldungen

          Französische Gefährder-Datei : Attentate trotz „Vermerk S“

          Wie der mutmaßliche Angreifer von Straßburg waren auch die Attentäter von „Charlie Hebdo“ oder vom Bataclan in der französischen Sicherheitsdatei „fichier S“ als Gefährder vermerkt. Anschläge konnten sie trotzdem verüben – trotz verdeckter Überwachung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.