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Ausstellung „Kunst im Krieg“ : Die Leinwand als letzter Fluchtpunkt

Die Bilder der „dunklen Jahre“: Eine exzellente Pariser Ausstellung widmet sich den bildenden Künsten in Frankreich zwischen 1938 bis 1947.

          Gebrauchte Kohlesäcke an der niedrigen Decke, totes Laub auf dem Boden, dessen Geruch sich im Halbdunkel mit dem von geröstetem Kaffee vermischte, hysterische Schreie von irgendwo, hin und wieder eine Tänzerin, die ein panisches Federvieh herumschleuderte: André Breton und seine Gruppe hatten sich für die Internationale Surrealismus-Ausstellung, die Anfang 1938 in der Pariser Galerie des Beaux-Arts eröffnete, einiges einfallen lassen. Es war schließlich die erste Retrospektive der Bewegung, bei der Breton keine Kompromisse eingehen musste wie zwei Jahre zuvor in London und New York.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit einer Erinnerung an die damals von Marcel Duchamp konzipierte Grotte setzt die Ausstellung über die französische Kunst zwischen 1938 und 1947 im Pariser Musée d’Art Moderne de la Ville ein. Im Zentrum stehen die Jahre der Okkupation und des Vichy-Regimes. Anders als die 2011 in Paris zu sehende Dokumentation des literarischen Lebens in den „dunklen Jahren“ (F.A.Z. vom 8. Juni 2011) ist der Zeitraum ein wenig breiter gewählt. Die Ausstellung von 1938 dient als Auftakt, der den Blick gleich auf einige Künstler lenkt, für welche die folgenden Jahre Flucht, Internierungslager und Exil brachten. Den Schlusspunkt setzt der Beginn des Kalten Kriegs, mit dem die ästhetischen Debatten, wegen der Moskau-Hörigkeit der französischen Kommunisten, dann einen neuen Ton bekommen.

          Erweiterung des Terrains

          Aber wichtiger noch als die zeitlichen Eckpunkte sind zwei andere Maximen der Ausstellungsmacher. Zum einen der Vorsatz, die seinerzeit unter politisches Verdikt gefallene Kunst fast durchgehend in den Vordergrund zu stellen. Zum zweiten der damit eng verknüpfte Entschluss, durchaus nicht nur Kunst für Sammler, Galerien und Museen zu berücksichtigen, sondern auch Bilder und Objekte, die abseits des Kunstfeldes als Zeugnisse des Überlebenswillens und Widerstands entstanden, vor allem dort, wo die Repression unmittelbar zuschlug - in den Internierungslagern und Gefängnissen.

          Wobei die Grenzen zwischen diesen Feldern gar nicht immer klar zu ziehen sind. Man sieht es, wenn man von Hans Bellmers Fotografien seiner verrenkten Holzgliederpuppe, die in den Kontext der Ausstellung von 1938 gehören, weitergeht zu den ersten Zeichnungen und Bildern, die in den Lagern entstanden. Lager wie die aufgelassene Ziegelfabrik von Les Milles im Süden Frankreichs, auf deren Gebiet gerade erst diesen Sommer eine Gedenkstätte eröffnet wurde. Eingerichtet noch von der Republik zur Einweisung von Ausländern aus den Feindstaaten - in der Mehrzahl Flüchtlinge vor den Nationalsozialisten -, wurde Les Milles nach der Niederlage von Vichy geführt, um dann noch vor der deutschen Besetzung der Freien Zone zum Ausgangslager für Transporte jüdischer Bürger in die Vernichtungslager zu werden.

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