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Ausstellung „Kosmos Kubismus“ : Großer Aufbruch in kleinen Würfeln

Vom Beginn 1907 an bis in die Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Mit einer klaren Chronologie inszeniert das Kunstmuseum in Basel das faszinierende Jahrzehnt des „Kosmos Kubismus“.

          Im Frühjahr 1907 beginnt Pablo Picasso in seinem Atelier im Bateau-Lavoir am Montmartre mit den Studien für „Les Demoiselles d’Avignon“. Es ist die Zeit, in der er sich für die archaische Plastik begeistert und für außereuropäische Skulpturen; zumal Afrikas Masken fesseln ihn. Diese Vorbilder gehen in sein Schaffen ein. Das geschieht nicht zuletzt aus einem gegen den Akademismus gerichteten Impuls heraus. Hinzu kommen die Gemälde Paul Cézannes, der im Jahr 1906 gestorben ist. Seine postume Ausstellung 1907 im Salon d’Automne in Paris hat enorme Wirkung auf die jungen Künstler, Initialzündung auf ihre Suche nach unverbrauchtem, nie gesehenem Ausdruck.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          „Der Primitivismus“ und „Der Einfluss Cézannes“ heißen die ersten zwei Räume der hervorragenden Ausstellung „Kosmos Kubismus. Von Picasso bis Léger“ im Kunstmuseum in Basel. Dort hängt Cézannes „Le Mont Sainte-Victoire vu des Lauves“ von 1904/06 in direkter Nachbarschaft zu George Braques „Arbres à L’Estaque“ aus dem Jahr 1908. Die Bäume sehen aus wie herangezoomt aus Cézannes zerklüfteter Landschaft. Weil sich bei dieser malerischen Tektonik der Eindruck von cubes, Würfeln einstellte, entstand die Bezeichnung „Kubismus“, eine künstlerische Weltsicht, gebaut aus Quadern.

          Ein Innehalten im neugefundenen Stil

          Die Schau in Basel wurde in Zusammenarbeit mit dem Pariser Centre Pompidou konzipiert, wo sie zuvor unter dem Titel „Cubisme“ lief, mit rund 330 Exponaten. Jetzt ist sie abgeschmolzen auf insgesamt 130 Werke. Gerade diese Verdichtung macht ihren Reiz und ihren Erkenntnisgewinn aus, darin ähnlich der vor kurzem erst abgelaufenen Ausstellung „Picasso. Blaue und Rosa Periode“ in der Fondation Beyeler im Basler Vorort Riehen. Im Kunstmuseum sind wichtige, darunter bekannte Bilder und Objekte präsentiert, in neun Räumen, die der klaren Linie einer Chronologie folgen, vom Beginn 1907 an bis in die Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. So wird die Entwicklung des Kubismus unmittelbar nachvollziehbar. Und anschaulich wird – nicht bloß als eine Behauptung –, wie grundstürzend er die bis dahin geltende Abbildfunktion der Kunst gegenüber der Wirklichkeit verabschiedet, hin zur Auflösung der sichtbaren Realität. Wie zugleich ihre Zergliederung in, jedenfalls annähernd, geometrische Formationen völlig neue Ansprüche an die geistige Beweglichkeit der Betrachter stellt. Bis in unsere Zeitgenossenschaft hinein wirkt dieses grade einmal ein Jahrzehnt währende künstlerische Beben vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, das schon damals bis in die vielbesuchten „Salons“, die jährlichen Pariser Kunstschauen, durchschlug.

          Blick in die Ausstellung: „Kosmos Kubismus. Von Picasso bis Léger“ im Kunstmuseum Basel; bis zum 4. August. Der Katalog (im Hirmer Verlag) kostet 49,90 Euro. Bilderstrecke

          Die Basler Ausstellung zeigt die Etappen dieser komplexen, keineswegs homogenen Bewegung, in charakteristischen Werken der daran beteiligten Künstler. Das sind, neben natürlich Picasso und Braque, Juan Gris, André Derain oder Henri Laurens; Robert und Sonia Delaunay oder Albert Gleizes. Im achten Saal hat der „Salon-Kubismus“ seinen Auftritt, der sich den Aufbruch relativ früh anverwandelt in größerformatigen, gegenüber der asketischen Farbigkeit regelrecht bunt wirkenden Bildern. Heute weniger bekannte Künstler zählen dazu, Henry le Fauconnier oder Jean Metzinger und eben Fernand Léger, der aus dem Kubismus heraus seine Figuration einer mechanisierten Welt entwickeln wird. Am Ende der Chronologie steht „Der Erste Weltkrieg“, der tief einschneidet in die Welt der Künstler.

          Im zentralen Mittelteil wird der manchmal bis zur Verwechselbarkeit bildnerische Gleichschritt von Picasso und Braque gezeigt, wie ein Innehalten im neugefundenen Stil. Die oft in Braun- und Ockertönen verhaltene Farbigkeit erfasst im „analytischen“ Kubismus auch die radikale Auffassung der menschlichen Figur: Da sind Picassos grandioser „Weiblicher Akt“ von 1910 (aus dem Philadelphia Museum of Art) oder Braques „Der Portugiese“ von 1911/12, im Besitz des Kunstmuseums. Für den „Kosmos Kubismus“ kann das Haus überhaupt glänzen mit seinem eminenten eigenen Bestand, der sich den Schenkungen des 1965 gestorbenen Schweizer Bankiers und Kunstsammlers Raoul La Roche verdankt. La Roche konnte Anfang der zwanziger Jahre auf jenen Auktionen kaufen, in denen der französische Staat die Bestände von Daniel Henry Kahnweiler versteigern ließ, die während des Ersten Weltkriegs beschlagnahmt worden waren. Kahnweiler, der aus Deutschland stammte, war der erste Galerist in Paris, der den Kubismus gefördert, seine Künstler unter Vertrag genommen hatte. Auch Braques „Krug und Violine“ von 1909/10 mit dem vielberufenen, gemalten Nagel und seinem Schatten am oberen Rand – ein Hauptwerk der ersten Phase, des „analytischen“ Kubismus –, verdankt Basel La Roches Vermächtnis.

          Hommage an den giftigen Schnaps – und den Kubismus

          Zu den Inkunabeln des Kubismus zählt, zeitgleich mit den Studien für die „Demoiselles“, Picassos Bildnis der „Gertrude Stein“ von 1906, der großen Sammlerin und Förderin (aus dem Metropolitan Museum in New York). Es funktioniert wie ein Gelenk, von der Rosa Periode hin zur maskenhaften Archaik der Gesichter, der formalen Reduktion. Was Picasso angeht, mit ihm Braque, so lässt er die dann folgende, kurze Phase des Kubismus in seiner asketischen Variante ziemlich schnell hinter sich. Es finden weitere Elemente in die Gemälde, Buchstaben oder Wortfetzen, hin zu einer Zeichenhaftigkeit, die einen möglichen Sinn wieder leichter lesbar macht. Es beginnt die Periode des „synthetischen“ Kubismus. Noch ein Stück weit Seite an Seite mit Braque entstehen die „Papiers Collés“, Fundstücke der Alltagswelt werden in die Bilder geklebt; dabei hatte vielleicht sogar Braque die Nase vorn.

          Aber Picasso schält aus dieser Idee die Collage heraus: Im Frühjahr 1912 entsteht sein Oval „Stillleben mit Rohrstuhlgeflecht“, wobei das Flechtmuster einem Stück Wachstuch aufgeprägt ist, daneben finden sich, gemalt, Alltagsfragmente – ein Tondo mit Trompe-l’Œil vom ingeniösen Bastler, der er zeitlebens bleiben wird. Beschwingt von der Zuneigung zu Eva Gouel, die seit Ende 1911 an seiner Seite ist, überführt er im „Mädchenbildnis“ von 1914 die kantige Zergliederung in ein farbenfrohes, rhythmisches Gefüge. Zur selben Zeit krönen die Exemplare seiner unterschiedlich bemalten, bronzenen „Absinthgläser“ ein echter blecherner Absinthlöffel und ein falscher Zuckerwürfel. Als sei’s eine Hommage nicht nur an den giftigen Schnaps, sondern auch an den – Kubismus.

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