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John-Ruskin-Ausstellung : Mit Eifer wider die Maschinenkultur

In einer Londoner Ausstellung werden die Ideale des Sozialphilosophen und Kunstkritikers John Ruskin lebendig. Sein Kampf für die Natur und gegen den Materialismus ist wieder aktuell.

          In gewisser Hinsicht verkörpert Two Temple Place das handwerkliche Ideal, für das der Kunst- und Sozialkritiker John Ruskin eintrat. Der palastartige neugotische Bau, den der amerikanische Finanzier William Waldorf Astor am Themseufer errichtete als Verwaltungsgebäude für seine Immobilien, ist mit der ganz auf seine Marotten und Vorlieben zugeschnittenen Ausstattung ein Gesamtkunstwerk der spätviktorianischen Ära. Szenen aus Shakespeares Dramen, Figuren aus Astors Lieblingsromanen – darunter Alexandre Dumas’ „Die drei Musketiere“, Walter Scotts „Ivanhoe“ und James Fenimore Coopers „Der letzte Mohikaner“ –, Bezüge zur Familiengeschichte und ein Fries mit Reliefbüsten der persönlichen Helden des Auftraggebers aus Literatur und Geschichte – von denen der, neben Tennysons „Dame von Shalott“ plazierte, Bismarck die einzige damals lebende Gestalt war – sind einem reichen Programm aus Mamoreinlagen, Glasfenstern, vergoldeten Türpaneelen und aufwendiger Schnitzarbeit von höchster Qualität einverleibt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die Materialien mögen Ruskins strengen Maßstäben entsprochen haben. Womöglich hätte die Ausführung sogar dem Anspruch seines prüfenden sozial-moralischen Blicks genügt, der verlangte, dass die Voraussetzungen geschaffen seien für jene Freude des Arbeiters am Gewerbe, die nach seiner sentimentalen Vorstellung der „menschlichen Seelenhoheit und brüderlichen Güte“ zugrunde lag: wie er sie im mittelalterlichen Bauhandwerk realisiert sah und in der stumpfsinnigen Massenproduktion des Industriezeitalters vermisste. Wahrscheinlich hätte der Verächter der kapitalistischen Profitgier den plutokratischen Prunk des Finanziers allerdings als frivole Ornamentik verurteilt.

          Dennoch stellt dieses kunsthandwerkliche Juwel den zeitgemäßen Rahmen für eine Betrachtung der künstlerischen und sozialpolitischen Ideen jenes Mannes dar, den Marcel Proust als das „Gewissen unserer Zeit“ bezeichnete. Two Temple Place ist seit fast zwanzig Jahren der Sitz einer philantropischen Stiftung, die das Gebäude unter anderem nutzt, um regionalen Museen einen Londoner Schaukasten zu bieten. Derzeit nehmen die Museen von Sheffield und die „Guild of St George“, die von Ruskin 1871 im ehemaligen Zentrum der Eisenindustrie gegründete sozialreformerische Bildungsstiftung, den zweihundertsten Geburtstag des Kritikers zum Anlass, um anhand ihrer durch Leihgaben angereicherten Sammlung darzustellen, wie sehr seine Auffassung von der lebensverändernden Fähigkeit der Kunst auf akribischer Beobachtung fußte. Ruskin predigte, dass der Künstler jedes Details noch so banaler Gegenstände habhaft werden müsse, um ihr Wesen zu erfassen und die Wahrheit der Natur offenbaren zu können, damit der Betrachter nicht nur erfreut, sondern „unterrichtet und veredelt“ zurückbleibe, „nachdem er nicht nur eine neue Szene betrachtet, sondern mit einem anderen Geist kommuniziert hat und für einige Zeit im Kraftfeld scharfer Wahrnehmung und starker Gefühle gestanden hat“.

          1901, im Jahr nach seinem Tod veröffentlichtes Porträt John Ruskins Bilderstrecke

          Bei einer derart komplexen Figur wie Ruskin, der sich in seinen ebenso voluminösen wie polemischen Schriften ständig widersprach, ist es beinahe unmöglich, die Ideenvielfalt in eine klare Linie zu bringen. Die Ausstellung mit dem Titel „The Power of Seeing“ nimmt als Ausgangspunkt die Sammlung aus Mineralien, Studienmaterialien und Kunstwerken, die Ruskin zur seelischen Erbauung und sozialen Verbesserung der Fabrikarbeiter von Sheffield für das Museum der „Guild of St George“ erwarb. Diesen Gegenpol zur Maschinenkultur des Industriekapitalismus hatte er absichtlich in einem Haus auf einem Hügel am Rand der Stadt untergebracht, um die Arbeiter aus den verrauchten Straßen hinauf zu locken an einen Ort, an dem sie nicht nur die Schönheit der Artefakte bewundern konnten, sondern auch die Schönheit der umliegenden Natur, die zu spiegeln er als die Aufgabe der Kunst betrachtete. Durch diese Erfahrung hoffte er, nicht nur das Bewusstsein für die mittelalterlichen Werte des Handwerks zu wecken, sondern auch dem Wohl der Menschheit zu dienen.

          In Two Temple Place ist das Arrangement der Exponate, wenn auch in edlerem Umfeld, der ursprünglichen Präsentation im Haus auf dem Hügel nachempfunden. Naturstudien, illustrierte Handschriften, Bücher, Kopien nach den Alten Meistern, Gipsabgüsse von architektonischen Details und Mineralien veranschaulichen nicht nur den interdisziplinären Ansatz von Ruskins Denken, sondern auch die enorme Anstrengung, die seiner didaktischen Mission zugrunde lag und für die er eine ganze Reihe von Assistenten einspannte. Sie beauftragte er mit unzähligen Studien, die er als Belege verwendete bei seinen derart emphatisch vorgetragenen Vorlesungen, dass die Studenten in Oxford nicht nur kamen, um sich zu bilden – sondern auch des sie erheiternden Spektakels wegen.

          Obwohl sich Ruskin selbst nie als Künstler betrachtete, zeugen die eigenen, als Grundlage für seine Thesen verwendeten Zeichnungen von einer Kunstfertigkeit, die in ihrer Kombination aus pedantischer Genauigkeit und idealistischem Bildungseifer etwas zutiefst Berührendes hat. Die Person, wie sie gleich am Anfang der Ausstellung mit den markanten blauen Augen und der die innere Unruhe vermittelnden, grüblerischen Stirn auf einem gelegentlich als Selbstporträt bezeichneten Aquarell aus der Tate-Sammlung in Erscheinung tritt, ist in Two Temple Place genauso präsent wie das Lebenswerk. Dieses geriet im zwanzigsten Jahrhundert ins Abseits. Die von John Ruskin inspirierten Werke von Gegenwartskünstlern, die hier ausgestellt sind, belegen das wiedererwachende Interesse an einem Denker, dessen Warnungen vor der Umweltverschmutzung und dem Materialismus heute wieder frische Resonanz finden, obwohl sein patriarchalischer Wertekonservatismus weit entfernt ist von den egalitären Grundvorstellungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

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