https://www.faz.net/-gqz-8a9ql

Architektur der Integration : Die offene Stadt und ihre Feinde

  • -Aktualisiert am

Eine Ausstellung in Paris zeigt das Werk von Renzo Piano, der das Centre Pompidou entwarf. Nach dem Massaker sieht man sie mit ganz anderen Augen. Ein Besuch kurz vor den Anschlägen.

          Gestern traf ich eine Bekannte, die mir ein Foto ihrer Freunde zeigte: freundliche junge Männer mit großen Bärten, sie hatten ein kleines Restaurant in Paris. Beide waren am Freitagabend im Bataclan. Beide wurden erschossen. Ich sprach mit einem Freund, den ich am vergangenen Donnerstag bei der Vernissage der Ausstellung im Palais Chaillot getroffen hatte. Sophie, die Mitarbeiterin seiner Frau, wurde einen Tag später zusammen mit ihrer Zwillingsschwester in der Rue Charonne auf offener Straße umgebracht.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Attentate verändern auch den Blick auf die beiden Ausstellungen, die unmittelbar vor den Anschlägen eröffnet haben. Man kann nun kaum über sie schreiben, ohne die Schlagzeilen im Kopf zu haben, die eine Verbindung zwischen der Radikalisierung der Terroristen und den Orten herstellen, an denen sie aufwuchsen: „Abdelhamid Abaaoud stammt aus dem für seine Terror-Sprösslinge berüchtigten Brüsseler Problem-Vorort Molenbeek“; ... „Erster Täter identifiziert: Franzose radikalisierte sich in Pariser Vorort“. Um diese Vororte geht es in der einen Ausstellung; um die Frage, an welchen Orten sich eine offene Gesellschaft formt, in der anderen.

          Die eine Ausstellung widmet sich dem Werk von Renzo Piano, der 1971 zusammen mit Richard Rogers das Pariser Centre Pompidou entwarf und 2012 den Wolkenkratzer The Shard, der die Skyline von London prägt. Die andere Ausstellung zeigt das Werk der Architektengruppe AUA, die in den siebziger Jahren in Frankreich den sozialen Wohnungsbau revolutionieren wollte – in den Gegenden, in denen heute radikale Islamisten die meisten Anhänger finden.

          Vom inklusiven zum exklusiven Bauen

          In kaum einem staatlich finanzierten Gebäude drückt sich die Hoffnung, mit Bauten Raum für eine offene Gesellschaft zu schaffen, so deutlich aus wie im 1977 eingeweihten Centre Pompidou – einem Bauwerk, das die Integration unterschiedlichster sozialer Schichten vor allem über Bildung und Ästhetik vermitteln sollte und das wegen seiner Fassade anfangs sehr umstritten war. Die Architekten hatten innen größtmögliche Freiheit haben wollen und deswegen das Tragwerk, die Gebäudetechnik, Treppen und Aufzüge nach außen verlegt und als Pop-Art-Maschine bunt anmalen lassen – Tragwerk weiß, Wasserrohre blau, Stromleitungen gelb, Treppen rot, Klimaanlage grün. Vor allem aber sollte die Kulturmaschine ein sozialer Apparat sein; das junge Frankreich sollte, ungeachtet der sozialen Herkunft, schulklassenweise durch die gläserne Röhre in die Ausstellungen des Kunstmuseums und die Bibliothèque Publique d’Information mit ihren zweitausend Leseplätzen, durchs Musikforschungszentrum Ircam in die Kinderwerkstatt, Kinos und Theatersäle, Buchladen und Panorama-Café ganz oben gepumpt werden und hier Werte und Schönheit der Republik kennenlernen. Piano hat später in Paris auch sozialen Wohnungsbau errichtet, in der Rue des Meaux. Es ist sehr still dort, im Innenhof wachsen Birken und Hecken, spielen kann man dort nicht. In der Ausstellung spielt all das keine Rolle. Man sieht Pianos Kulturzentren, etwa das im kaledonischen Nouméa, man sieht seinen Wolkenkratzer für London - was zu einer seltsamen Erzählung zusammenläuft.

          Gezeigt wird das Werk eines Mannes, der nach dem Bau einiger experimenteller Kugelhäuser seine internationale Karriere damit beginnt, in Paris eine soziale Maschine zu bauen und heute vor allem für einen Turm in London bekannt ist, der mit dem privatem Geld der Herrscherfamilie von Qatar errichtet wurde und in dem sich vor allem Luxusapartments, teure Restaurants und exklusive Büros befinden. So, wie die Ausstellung aufgebaut ist, erzählt sie eine Geschichte des Übergangs vom inklusiven zum exklusiven Bauen: Sie erzählt davon, wie früher der Staat im Zentrum der Stadt große Symbolbauten für die ganze Bevölkerung errichtete und wie heute Private das Gleiche für einen kleinen Kreis Auserwählter tun, es sei denn, man betrachtet The Shard als Machtdemonstration des Staates Qatar im Zentrum der britischen Hauptstadt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Manchmal unangenehm, aber wichtig: Aufklärungsunterricht für Kinder.

          FAZ Plus Artikel: Aufklärung für Kinder : „Mein Körper gehört mir“

          Kinder stark machen, ihren Missbrauch verhindern: Die Pro-Familia-Sexualberater Maria Etzler und Florian Schmidt geben Tipps, wie Erwachsene Aufklärungsgespräche führen und welche Regeln für Kinder bei Doktorspielen gelten sollten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.